Mobilitäts-App Moovel:Früher war das Auto das Maß der Dinge

Robert Henrich, Leiter Car2go und Moovel

Robert Henrich leitet im Daimler-Konzern die Sparten Car2go und Moovel.

(Foto: Daimler AG)

Es ist ein erstaunlicher Kulturwandel für einen Konzern, dessen Karossen der Inbegriff des deutschen Besitzstandswahrens sind. "Wir merken auch an uns selbst - und Studien belegen das -, dass sich die Gesellschaft und ihr Umgang mit Mobilität ändert", sagt Uebber. "Ich nutze inzwischen statt des eigenen Autos zusätzlich auch Bus, Bahn und Car2go, um den Parkplatzsorgen in der Innenstadt zu entgehen und meine Zeit sinnvoll zu optimieren." Früher, gesteht der Daimler-Mann, der eine S-Klasse samt Fahrer zur Verfügung hat und nun vom Ideal grüner Innenstädte spricht, früher habe er das nicht gemacht. Da war das Auto das Maß aller Dinge.

Eingeleitet hat das Umdenken der Vorstand selbst und letztlich Zetsche persönlich. Eine "Business Innovations"-Einheit hat er 2007 begründet, in der kreative Menschen auch über die Zukunft des Reisens nachdenken sollten. Einer von ihnen: Robert Henrich, ein junger Manager, der überlegte, wie sich die Smart-Mietwagen-Flotte Car2go sinnvoll ergänzen lassen könnte mit Diensten für eine Gesellschaft, die keine Lust hat auf Parkplatzsuche und Dauerstau. Ein Team stellte er zusammen, ohne das Hierarchiegetue und langatmiges Abstimmen; Techniker Ritzer war einer der ersten. Der Lohn der Freiheit: Es sieht so aus, als ob die auf einige hundert Mitarbeiter angewachsene Firma tatsächlich ein neues Geschäftsfeld erschließt.

Das Vorbild Uber

Wer in die Bilanz schaut und auf die reinen Erträge, der könnte noch lächeln. Daimler setzt 120 Milliarden Euro im Jahr um. 100 Millionen Euro steuern Moovel und Car2go zu. Peanuts. Andererseits: Der software-basierte Fahrdienst Uber, der private Taxis vermittelt, hat sich von Investoren gerade 1,2 Milliarden US-Dollar besorgt. Angeblich soll die Firma aus San Francisco sogar mit 17 Milliarden US-Dollar bewertet worden sein - und auch Google ist beteiligt. Wer Phantasie hat, könnte diese in Geld ausgedrückte Hoffnung nun auf Moovel und Daimler übertragen; der Unternehmenswert wäre wohl bereits jetzt deutlich höher, als der in den Büchern der Schwaben notierte. Weltweit nutzen 750 000 Menschen Car2go und leihen sich per Handy-Anruf für 29 Cent pro Minute ein Auto aus. In England schwächelt die Nachfrage, aber einige der 25 anderen Standorte sind bereits in den schwarzen Zahlen.

Ende des Jahrzehnts sollen 15 Millionen Menschen Car2go nutzen. Und noch viel stärker soll das Helfertool Moovel werden, das künftig Reisevarianten auch auf einer Karte anzeigen wird und dabei nicht nur auf die konzerneigenen Car2go-Smarts verweist: Wer etwa von der Börsenstraße 4 in Stuttgart zum Karolinenplatz nach München will, der bekommt drei Vorschläge angeboten. Variante 1: Gehen Sie zur Fahrradmietstation an der Bolzstraße. Nehmen sie ein Rad bis zum Hauptbahnhof Stuttgart. Fahren sie mit dem Zug bis München Hauptbahnhof. Nehmen sie dort ein Car2go zum Karolinenplatz. Dauer: 2,57 Stunden; Kosten: 62 Euro. Komfort: sehr ordentlich. Die günstigste Variante setzt auf Mitfahrgelegenheit.de - ein Portal an dem Daimler übrigens auch finanziell beteiligt ist - und kostet nur 16,80 Euro, dauert dafür gut vier Stunden.

"Extrem gute Ausgangsbasis"

Die Macht von Daimler ist es auch, der alle so selbstbewusst macht. "Wir haben über die Partner, unsere Kunden und unsere starke Marke Mercedes-Benz eine extrem gute Ausgangsbasis", sagt Finanzchef Uebber. Und das, was daraus gerade entstehe, das sei viel mehr "als eine simple Handy-App: Das ist die Integration und das Vernetzen von Industrie, Menschen, Partnern, Kommunen, Autos und Software." Das könnten per Venture-Capital finanzierte Software-Firmen nicht bieten. Aber zugleich zeige etwa der Hype um Uber, dass auch Risiko-Investoren an das Geldverdienen per Mobilitätsdienstleistungen glauben.

Die starke, alte Marke im Hintergrund öffnet Türen, schafft Vertrauen, wie es tatsächlich wohl sonst schwer möglich wäre: An diesem Juni-Tag sind einige Arbeitsplätze im Labor verwaist: Eine Moovel-Truppe trifft sich gerade mit IT-Kollegen der Deutschen Bahn, um über die möglichst nahtlose Integration von Fahrplänen und Buchungen und CallaBike-Mieträdern in die Moovel-Software zu reden und auch über den damit verbundenen Schutz der Nutzerdaten. Wem werden Verkehrsnutzer bei der Weitergabe sensibler Mobilitätsdaten eher vertrauen, fragen sie bei Moovel: "Unternehmen, die immer wieder wegen mangelnder Datensicherheit gescholten werden - oder uns?" Sie sehen es als rhetorische Frage, und wahrscheinlich liegen sie damit, zumindest in Europa, auch gar nicht so falsch.

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