bedeckt München 18°
vgwortpixel

Lilium Aviation:"Das fünfte Element" als Inspiration

Zurück in München gründete Wiegand zuerst ein Team, dann ein Start-up. "Ab da hatte ich wieder ein Ziel, das fühlt sich gut an." Er erkannte, dass alles, was er für den Bau eines Flugtaxis in der Stadt benötigte, bereits vorhanden war: ultraleichte Materialien, Sensoren, Computer, leistungsfähige Batterien. Im Science-Fiction-Film "Das fünfte Element", in dem Bruce Willis mit einem fliegenden Taxi durch Wolkenkratzerschluchten rast, sah das Gründerteam seine Vision schon erfüllt. Das Start-up nannten sie Lilium, angelehnt an den Namen des Flugpioniers Otto Lilienthal. Anfang 2015 gewann das Unternehmen die Europäische Weltraumorganisation als Unterstützer.

Lilium ist nicht das einzige Start-up, das an einem ultraleichten und vor allem ultraleicht zu bedienenden Flugzeug arbeitet. Weltweit gibt es mehrere Dutzend, Joby Aviation aus den USA zum Beispiel oder Ehang aus China. Das Interesse an der Branche ist so groß wie die Skepsis. Das Fraunhofer-Institut schrieb: "Trotz der vielen Fortschritte und sichtbaren Erfolge in Form von Demonstratoren und Prototypen besteht jedoch im Bereich der PAVs noch ein großer Forschungsbedarf, bis diese tatsächlich massentauglich sind."

Fliegen mit der Leistung eines Formel-1-Autos

Wiegand führt durch die Werkstatt: Von den Wänden hängen Kabelstränge, zwei Mitarbeiter kauern vor ihren Laptops, surrend und piepsend schuftet eine Armada von 3-D-Druckern, und in der Mitte des Raumes sieht man - nichts. Normalerweise steht hier die erste Testversion des Lilium-Jets in Größe eins zu eins: eine weiße Carbon-Kapsel mit Flügeln, auf denen drei Dutzend bläuliche Triebwerke sitzen. Zwei Menschen sollen darin Platz finden und die Leistung an ein Formel-1-Auto heranreichen. Gewünschte Reichweite: 300 Kilometer. Aber die Zukunft des Fliegens ist heute nicht da: "Bodentests", sagt Wiegand, und man spürt, dass er froh ist, das Modell nicht herzeigen zu müssen. Erst im Frühjahr soll das neue Testmodell zum ersten Mal abheben. Ohne Passagiere.

Ruft man Stefan Levedag, einen der führenden deutschen Luft- und Raumfahrtexperten an, scrollt er sich erst einmal durch die Website von Lilium Aviation. Levedag leitet das Institut für Flugsystemtechnik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Braunschweig. Seit Jahren begegnen ihm auf den Luftfahrtmessen neue Modelle von ultraleichten Flugzeugen zum persönlichen Gebrauch. "Nicht selten sieht man diese Projekte nur einmal, da die jungen Unternehmen oft nicht den langen Atem haben, von der Idee bis zur Zulassung durchzuhalten."

"Der Luftraum ist in Deutschland zu streng reglementiert"

Vor allem einen Senkrechtstart mit einem elektrischen Flugzeug hält Levedag für nicht realistisch. Die Batterien seien das Problem. Andere deutsche Luftfahrtexperten sind nicht ganz so pessimistisch. Heinrich Bülthoff, Professor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, sagt: "Wenn Lufttaxis jemals realisiert werden, dann wahrscheinlich eher in Amerika oder Asien, aber nicht bei uns in Deutschland, der Luftraum hier ist zu streng reglementiert."

Wiegand sagt: "Nach unseren Berechnungen ist das durchaus möglich." Ein ehemaliger Chefingenieur von Tesla sei schon da gewesen und habe seinen Segen gegeben, orakelt Wiegand. Aber klar, langfristig braucht Lilium einen Betreiber für seine Flugtaxis, damit Wiegands Vision wahr wird. Die sieht so aus: "Wir gehen davon aus, dass überall in den Städten Landingpads mit Ladestationen gebaut werden. Wenn ich am Münchner Flughafen bin und aus meinem Verkehrsflugzeug steige, buche ich mir einen Lilium-Jet und fliege in sieben bis acht Minuten an irgendeinen Punkt in der Stadt." Er weiß selber nicht, wann der erste funktionsfähige Lilium-Jet fertig werden wird. 2019 vielleicht?

"Wahrscheinlich eher nicht", meint der Firmengründer. Wohlgemerkt: "Das fünfte Element", der Film mit den fliegenden Autos, der dem Team als Inspiration dient, spielt im Jahr 2263.

Luftverkehr Wann es fliegende Autos geben wird
Analyse

Verkehr der Zukunft

Wann es fliegende Autos geben wird

Immer wieder stellen Erfinder fliegende Autos vor, angeblich kurz vor der Serienreife. Individuelle Fluggeräte sind tatsächlich realistisch - allerdings mit völlig anderer Technik. Wegbereiter könnten ausgerechnet Autokonzerne sein.   Von Thomas Harloff