Land Rover Defender:Gnadenfrist für ein Denkmal

Bevor ihn der Fußgängerschutz endgültig in Rente schickt, wurde der Land Rover Defender noch ein letztes Mal überarbeitet.

Oskar Weber

Ja, es gibt sie noch, die guten alten Zeiten. Zuweilen sind sie sogar mitten unter uns. Der Bäcker um die Ecke verkörpert sie, der seine Brezeln zu nachtschlafender Zeit noch selber backt. Der mitteleuropäische Sommer mit seinen ausgedehnten Tiefdruckgebieten gehört auch dazu. Und ebenso die erfrischend altmodischen jungen Männer, die auf dem Platz mit schwarzen Kickschuhen gegen den Ball treten. Das passende Auto für Erinnerungsoptimisten läuft im englischen Gaydon vom Band.

Das tut es schon seit 63 Jahren, und es trägt den programmatischen Namen Defender. Verteidiger wovon? Gemeint ist weder die Freiheit diesseits oder jenseits unserer Straßen, schon gar nicht die Unabhängigkeit unterdrückter Völker in entlegenen Regionen.

Vielmehr schützt der Defender vor allem die Bilanzen seiner Herstellerfirma Land Rover, denn alle Anlagen sind seit Jahrzehnten abgeschrieben. Und der Marketingaufwand für Kultprodukte ist aus kaufmännischer Sicht erfreulich überschaubar. Dennoch soll in vier Jahren endgültig Schluss sein mit dem rüstigen Urgroßväterchen. Der Totengräber des Land Rover Defender, des ursprünglichsten aller Geländewagen, heißt Fußgängerschutz, eine wahrhaft britische Pointe.

Fit für die letzten Jährchen bis zur Rente mit dann 67 macht den Landy nun ein neuer Dieselmotor. Der erfüllt einerseits die gesetzgeberisch geforderten Saubermannkriterien nach Euro 5, punktet andererseits mit den bekannten rustikalen Leistungswerten: 360 Newtonmeter Drehmoment bei 2000 Umdrehungen.

Dafür wurde die Bohrung der vier Zylinder geringfügig verkleinert - der Hubraum wird jetzt mit 2198 Kubikzentimeter (bisher 2402 ccm) ausgelitert, die modifizierte Steuerelektronik und der neue Turbolader sorgen für die richtige Balance aus benötigtem Druck und reiner Luft.

Ansonsten bleibt technisch alles so, wie es der Landy-Fan kennt und sich seit ewig wünscht: Starrachsen mit Schraubenfedern hinten und vorn, permanenter Allradantrieb, Mittendifferentialsperre mit Geländeuntersetzung. Gebremst wird mit Scheiben, die Rollenfingerlenkung windet sich mit Hilfe einer Servopumpe, der knochige Hebel des Schaltgetriebes rührt in einem sechsstufigen Zahnradwerk.

Defender auf der Straße? Das ist wie ein Propellerflugzeug im All

Wie er sich fährt, der Oldie vom Band? Genau so. Fahrer und Passagiere hocken auf kleinen und haltlosen Stühlchen, der Blick voraus tastet durch einen Sehschlitz, und das flach stehende Steuerrad bedient nicht eine Lenkung im herkömmlichen Wortsinne, sondern ein irgendwo in die Straße tastendes Ruder.

Dort, wo der Alte seit Menschengedenken zuhause ist - in den Wäldern des Nordens und in den Dünen des Südens - wäre mehr Präzision Verschwendung. Hier driftet der Landy-Treiber mit dem Sand, und die Spurrille zieht die Fuhre sicher durchs Gelände.

Auch die Treibankerqualitäten der Bremsen sind im natürlichen Lebensraum des Defenders nicht wirklich ein Thema. Auf den asphaltierten Schnellbahnen der Zivilisation mag das ganz anders wirken. Aber es kommt ja auch niemand ernsthaft auf die Idee, Propellerflugzeuge ins All zu schießen.

Dafür ist der alte Waldläufer noch robuster geworden. Seit der Leiterrahmen in der Fabrik durchs katalytische Tauchbad der Rostvorsorge muss, ist die berüchtigte Schwachstelle der Konstruktion - Alukarosse auf Stahlrahmen - ihrer chemischen Unverträglichkeit weitgehend beraubt.

70 Prozent der seit 1948 gebauten Landys verrichten nach Statistiken des Herstellers bis heute ihre Arbeit. Und die Faszination am fabrikneuen Oldie vom Band ist ungebrochen. Die Jahresproduktion von 20.000 Autos ist stets ausverkauft, 2000 Defender gehen im laufenden Jahr alleine nach Deutschland.

Kurze Version, langer Kombi, Pick-up mit kleiner oder großer Kabine - die Variantenvielfalt ist ebenso groß wie der Urtyp der Marke Land Rover einzigartig ist. Ein Automobil vom alten Schlag zum bezahlbaren Preis (ab 26.690 Euro). Man sollte ernsthaft überlegen, sich noch ein frisches Exemplar in die Garage zu stellen, ehe die Zeit des Alten endgültig abgelaufen ist.

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