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Endstation, Niemandsland, Unglücksort:Hafen-Geschichten

Fernweh, Spelunken, Verfolgung - Literaten beschreiben eine längst vergangene Welt voller Seeleute und Glücksritter, Schmuggler und Gestrandeter, Fischer und Reisender.

Es ist ja nicht so, dass Häfen nur Männer faszinieren. Aber Frauen teilen schwerlich diesen gynophilen erotischen Blick, wenn sich die Bucht öffnet und das Schiff in den Hafen einläuft. Da ist so mancher Mann an der Reling von Sinnen, auch wenn der eine oder andere dann doch über das Geschlecht, das die Hafensilhouette für ihn verkörpert, eine abweichende Meinung hat.

Auch der Hafen von New York faszinierte mit einem Mix aus nüchternem Handel und vagabundierenden Freigeist.

(Foto: Foto: Photography Collection/The New York Library)

Raue Vitalität

Einer zum Beispiel wie der französische Dichter Louis-Ferdinand Céline, der sich New York vom Meer her nähert, erkennt in der Skyline höchst irritiert eine strenge Amerikanerin: "New York ist eine senkrechte Stadt. Wir hatten natürlich schon Städte gesehen, schöne auch, und Häfen, auch berühmte. Aber bei uns, nicht wahr, da liegen die Städte, liegen am Meer oder an den Ufern eines Flusses, sie räkeln sich in der Landschaft, erwarten den Reisenden willig, während diese Amerikanerin hier durchaus nicht schwach war, nein, sie stand starr da vor uns, machte absolut nicht die Beine breit, stand so starr, dass man es mit der Angst zu tun bekommen konnte."

Ein anderer wie Stefan Zweig deutet die in die Höhe gereckte Gestalt New Yorks nicht als bedrohliche Domina, sondern als pure Maskulinität: "New York grüßt härter, energischer: wie ein nordischer Fjord wirkt es mit seinen aufgetürmten eisweißen Kuben. Manhattan ist ein männlicher, heroischer Gruß, der steil aufgestoßene menschliche Wille Amerikas, ein einziger Ausbruch zusammengefasster Kraft." Weiblich, das ist für ihn etwas ganz anderes: "Rio dagegen bäumt sich einem nicht entgegen - es breitet sich aus mit weichen, weiblichen Armen, es empfängt in einer weit ausgespannten zärtlichen Umarmung, es zieht an sich heran, es gibt sich mit einer gewissen Wollust dem Blicke hin."

Derlei männliche Imaginationen erzeugen Häfen leicht, zumal wenn man von der offenen See her kommt mit ihrer, wie es Goethe einmal auf seiner Schiffsreise nach Sizilien formuliert hat, "großen, simplen Linie" des Horizonts - und dann auf die sich aus dem Dunst über dem Wasser langsam abzeichnenden Rundungen, Hügel und Kurven der Küste zufährt. Aber mögen sich auch die sentimentalsten erotischen Bilder aufdrängen, sie prägen meist nur den ersten sehnsuchtsvollen Eindruck. Am Ende schiebt sich die raue Vitalität der Hafenwelt in den Vordergrund, auch bei Schriftstellern, zumal bei denen, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ihre Romane und Erzählungen um Hafenstädte kreisen ließen.

Poesie der Häfen

Poesie der Häfen: Phantasmen des Seeabenteuers