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Eisenbahn:Online schlägt Print

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Wann fährt der nächste Zug? Wer das wissen will, muss in der Schweiz bald online gehen.

(Foto: John MacDougall/AFP)

Die Bahn in der Schweiz bringt in diesem Jahr letztmals ein dickes Fahrplanbuch heraus. Auch in anderen Ländern und bei deutschen Verkehrsverbünden ersetzt das Internet mehr und mehr die gedruckten Informationen.

Von Marco Völklein

Für die einen ist es gut, "dass endlich diese Papierverschwendung endet". Andere aber sehen "einen Schritt mehr im Abbau am Kundendienst". Fakt ist, dass in diesem Jahr letztmals das gedruckte Kursbuch der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) erscheint. Das Werk mit sämtlichen Bahn- und Busverbindungen umfasst drei Bände - allein Band 1 für alle Zugverbindungen, Seilbahnen und Schiffe ist gut 2100 Seiten stark. Die Auflage betrug in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch 500 000 Exemplare. Zuletzt aber sank sie kontinuierlich auf laut SBB noch 25 000 Exemplare. Nun deckten die Verkaufserlöse die Druckkosten nicht mehr, heißt es. Deshalb ist Schluss.

Doch gerade im Bahnland Schweiz stößt das nicht überall auf Verständnis. Pflegen doch viele Schweizer ein oft inniges Verhältnis zum Verkehrsträger Schiene. Menschen, die keinen Zugang zu PC oder Handy haben, würden ausgegrenzt; zumal die Anzahl der SBB-Schalter ebenfalls von Jahr zu Jahr kleiner werde. Ein Leser des Züricher Tagesanzeigers ätzte in einer Replik: "Es soll, so habe ich gehört, noch Menschen geben, die kein Smartphone oder Computer haben."

Tatsächlich aber haben die SBB, die das Buch im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Verkehr (BAV) erstellen, deutlich länger durchgehalten als andere Bahnen. So gibt etwa die Deutsche Bahn (DB) schon seit 2009 kein gedrucktes Kursbuch mehr heraus. Auch viele weitere Fahrplan-Printprodukte verschwanden: Bis 2013 hatte die DB an den Bahnhöfen zum Beispiel graue Faltblätter ausgelegt, auf denen sämtliche Verbindungen zwischen einzelnen Städten aufgeführt waren. Diese waren insbesondere bei Fernpendlern beliebt, die beispielsweise von Mannheim nach Stuttgart fuhren oder von Nürnberg nach München. Die Kundennachfrage sei aber zu gering gewesen, um die grauen Blätter weiterhin aufzulegen, heißt es bei der DB.

Diese Erfahrung machen auch andere in der Verkehrsbranche. So sank etwa die Auflage des Fahrplanbuchs im Nürnberger Verbund, kurz VGN, von 32 000 im Jahr 2002 auf zuletzt 6500. "Stetig und deutlich" sei die Auflage geschrumpft, sagt VGN-Sprecher Manfred Rupp. Und obwohl das Verbundgebiet immer mal wieder erweitert wurde, etwa nach Bamberg und Bayreuth, seien jedes Jahr noch "große Restmengen" übrig geblieben. Deshalb bringt auch der VGN seit 2015 kein Fahrplanbuch mehr heraus.

In gleichem Maße wie die Nutzung gedruckter Fahrpläne sank, stieg die Zahl der Zugriffe auf Online-Angebote, wie eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter zwölf deutschen Verkehrsverbünden ergab. So hat sich die Zahl der übers Internet ausgespuckten Fahrtauskünfte beispielsweise beim Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN), der die Gegend um Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen abdeckt, seit 2010 auf mittlerweile 163 Millionen im Jahr mehr als verdreifacht. Hinzu kommen weitere 81 Millionen Fahrtauskünfte jährlich über die Smartphone-App des Verbunds. Tendenz: steigend. Für den RMV in Frankfurt ist es sogar "mittelfristig denkbar, auf gedruckte Fahrplanbücher zu verzichten", wie ein Sprecher sagt. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Doch nach wie vor schwören Nutzer von Bahnen und Bussen auch auf Gedrucktes. Wer damit umzugehen gelernt habe, dem lieferten Kursbuchtabellen "eine rasche und vollständige Angebotsübersicht auf einer Strecke", sagen Kursbuch-Fans in der Schweiz. Der Online-Fahrplan weise nur Punkt-zu-Punkt-Verbindungen aus, böte also kaum mehr als "die Froschperspektive". In Hamburg nutzen nach Angaben des HVV noch zehn Prozent der Fahrgäste das gedruckte Fahrplanbuch. Und auch Marketingleute in vielen Verbünden wollen auf Druckwerke nicht ganz verzichten - auch wenn sie beispielsweise über Änderungen wegen Baustellen im Internet viel besser und rascher informieren können. Broschüren oder Faltfahrpläne zum Auslegen seien aber geeignet, um "Impulsinformationen zu geben", heißt es beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg in Köln. Damit erreiche man Leute, die Busse und Bahnen "noch nicht fest in ihren Entscheidungsprozess verankert haben".

© SZ vom 17.12.2016

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