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Pedelecs von Van Moof:Das iPhone unter den Fahrrädern

Das X3 ist eines von zwei neuen Pedelecs von Van Moof. Die sind deutlich günstiger als ihre Vorgänger.

(Foto: van Moof)

Die neuen E-Bikes von Van Moof sind deutlich günstiger als ihre Vorgänger. Das liegt auch daran, dass die Firma alles selbst entwickelt.

Das Timing hätte wohl nicht schwieriger sein können für Taco Carlier und seinen Bruder Ties. Oder? Am Dienstag haben die beiden Gründer des niederländischen Fahrrad-Start-ups Van Moof die dritte Generation ihrer E-Bikes vorgestellt - mitten in der Corona-Krise. Und als ob die weltweiten Einschränkungen im Personen- und Warenverkehr alles nicht schon kompliziert genug machen würden, haben die beiden mit ihrer Firma auch gleich noch ihre Arbeit umgekrempelt: Sie machen jetzt alles selbst.

Normalerweise sind an einem Fahrrad Dutzende Komponenten verschiedener Zulieferer verbaut: Schaltung, Bremsen, Sattel und so weiter. Die meisten Teile kommen einfach aus dem Katalog, für das zu bauende Fahrrad werden sie kaum angepasst. Die Zulieferer bestimmen damit weitgehend darüber, welche technischen Neuerungen auf den Markt kommen - und zu welchem Preis, sagt Taco Carlier. Bei Van Moof wollten sie das ändern.

Alles an den neuen Modellen S3 und X3 hat die Firma deshalb selbst entwickelt und entworfen, genau auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt. Die Fertigung der Komponenten dagegen wurde ausgelagert und teilweise auch die Endmontage der E-Bikes. Die Räder sollten dadurch einerseits bis ins Detail den Vorstellungen der beiden Industriedesigner und Van-Moof-Gründer entsprechen. Andererseits sollten sie deutlich günstiger werden. Das ist offenbar gelungen: Kostete der Vorgänger noch rund 3400 Euro, liegt der Preis für das S3 nun knapp unter 2000 Euro, obwohl viele Bauteile verbessert wurden.

Für ihre Entwicklung hatten die Carlier-Brüder ein extrem erfolgreiches Vorbild: "Wir orientieren uns nicht an klassischen Fahrradherstellern, dafür haben wir uns viel von der Elektronik-Branche abgeschaut, vor allem von Apple", sagt Taco Carlier. Der IT-Konzern war der erste, der sich ganz auf Entwicklung und Design konzentrierte und die Fertigung der Geräte komplett an Dienstleister auslagerte. Ähnlich macht es nun Van Moof.

Die Nachfrage wächst rasant - und die Corona-Krise könnte den Boom sogar noch verstärken

Auch beim Produktzyklus gibt das Smartphone den Takt vor: In einem Jahr soll es eine überarbeitete Version des aktuellen Modells geben, im Jahr darauf dann wieder eine Neuentwicklung, sagt Carlier. Schon jetzt arbeite man deshalb am S4 und sogar am S5. Dabei gehe es stärker um die Software und um den Service für die Fahrräder. Und natürlich um die Effizienz: "Ein bisschen weniger Auswahl, ein bisschen mehr Globalisierung und viel stärkere Skaleneffekte, damit der Preis weiter sinkt." Deshalb habe man zuletzt bereits die Modelle ohne E-Antrieb aus dem Programm genommen. Die Zukunft, das sei dann die voll automatisierte Produktion.

Die Nachfrage nach E-Bikes wächst seit Jahren rasant. Allein im vergangenen Jahr stieg der Absatz in Deutschland laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) um fast 40 Prozent auf knapp 1,4 Millionen Stück. Damit hatte bereits fast ein Drittel aller verkauften Räder einen eingebauten Elektromotor. Und die Corona-Krise könnte den Boom noch verstärken, glaubt man beim ZIV. Zwar habe die Branche erst unter dem Shutdown in vielen Ländern Asiens, wo die meisten Fahrräder und Komponenten produziert werden, und dann unter den geschlossenen Geschäften hierzulande gelitten. Jetzt aber sei man optimistisch, noch einiges vom verpassten Geschäft aufzuholen, gerade weil viele Menschen sich mehr bewegen und für den Weg in die Arbeit nicht mehr Bus und Bahn nehmen wollten. Und langfristig erwarte man ohnehin, dass der Marktanteil der E-Bikes weiter steigt.

Freilich hat das Coronavirus auch bei Van Moof die Arbeit komplizierter gemacht. Carlier ist zurzeit fast alleine in der Zentrale in Amsterdam. Wo sonst 120 Leute arbeiteten, seien nun gerade fünf oder sechs Mechaniker beschäftigt. Der Rest arbeitet im Home-Office. Das große Glück sei, dass Design, Entwicklung und Fertigung der neuen Modelle komplett in Taiwan passieren. Dadurch sei man in der Firma bereits gewohnt, dezentral zu arbeiten. Carliers Bruder und Mitgründer Ties selbst arbeitet von Asien aus. Zudem sei Taiwan bisher kaum von Einschränkungen durch das Coronavirus betroffen. Nur deshalb sei auch der geplante Verkaufsstart Mitte Mai zu halten gewesen.

Schon jetzt spüre Van Moof eine deutlich höhere Nachfrage, sagt Taco Carlier. Man habe in diesem Jahr fast 50 Prozent mehr Räder verkauft als im gleichen Zeitraum 2019, inzwischen rund 100 Stück täglich - noch vom älteren, teureren Modell. Beim Nachfolger sei die Kapazität deutlich größer: Bis zu 10 000 Fahrräder könne Van Moof hier monatlich ausliefern, also bis zu 500 am Tag, sagt Carlier. Damit solle sich der Umsatz von Van Moof in diesem Jahr verdoppeln, 2019 habe er sich bereits vervierfacht. Dabei profitiert das Start-up von seinem Vertrieb fast ausschließlich über das Netz. Bis auf ein paar eigene Flagship-Stores vertreibt Van Moof nur über die eigene Webseite - und die bleibt auch in Corona-Zeiten offen. So gesehen war das Timing dann vielleicht doch ganz gut für die Carliers.

© SZ vom 22.04.2020

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