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E-Mobilität:Klima retten - aber nicht zu viel

Wolfsburg Niedersachsen Wolfsburg, 02.10.2020, Nordsteimke: Auf dem Rittergut wurde der neue VW Tiguan präsentiert. ***

Das erfolgreichste SUV auf dem Markt ist der VW Tiguan. Jetzt gibt es ihn auch als Plug-in Hybrid. Wirklich umweltfreundlich ist er aber nur, wenn er elektrisch fährt.

(Foto: imago images/regios24)

Der Verkauf von Stromern steigt - aber auch von großen Hybrid-SUVs. Der absurde Nebeneffekt ist eine immer größer werdende Flotte von PS-Protzen, die nur im Elektrobetrieb umweltfreundlich sind.

Kommentar von Joachim Becker

Es ist ein typisches Paradoxon: Europa will den Straßenverkehr endlich klimafreundlicher machen. Prima! Prinzipiell ist es ja richtig, dass der CO₂-Ausstoß im Verkehrssektor bis zum Jahr 2030 um 60 statt um 55 Prozent sinken soll, wie es das EU-Parlament fordert. Doch die Umsetzung nervt gewaltig: In der Praxis gibt es jede Menge Ausnahmen und Kleingedrucktes bei den CO₂-Zielvorgaben für die Autohersteller.

Auf den ersten Blick läuft alles glatt: Elektrofahrzeuge werden dieses Jahr ihren Marktanteil voraussichtlich verdreifachen. Jeder zehnte Neuwagen wird mittlerweile als reines Batterieauto oder als Plug-in-Hybrid ausgeliefert. Das hilft den Autoherstellern, ihre EU-Emissionsziele zu erreichen. BMW, PSA (Peugeot-Citroën), Volvo sowie FCA (Fiat-Chrysler) haben die Grenzwerte schon im ersten Halbjahr 2020 erfüllt. Renault, Nissan, die Toyota-Mazda-Flotte und Ford müssen nur noch eine kleine Lücke von zwei Gramm CO₂ pro Kilometer (g/km) schließen. Volkswagen und Mercedes haben mehr aufzuholen. Die offiziellen Werte bei Neuwagen sind von 122 g/km im Jahr 2019 auf 111 g/km in der ersten Jahreshälfte 2020 gesunken. Dem europäischen Umweltdachverband Transport & Environment (T&E) zufolge liegen die realen CO₂-Emissionen jedoch bei 155 g/km.

Die Lücke zwischen theoretischen und realen Werten kann jeder im Straßenverkehr nachvollziehen: Die Zulassungszahlen von leistungsstarken SUV steigen auch deshalb, weil sie sich als Plug-in-Hybride fürs Klima schönrechnen lassen. Wer ließe sich nicht gerne per Umweltbonus und halbierter Dienstwagensteuer seinen über zwei Tonnen schweren Luxuskreuzer fördern? Laut T&E ist der Anteil von SUVs im ersten Halbjahr 2020 auf 39 Prozent gestiegen. Der Klimaschutz für Kleinstwagen wird dagegen unrentabel: Die Kunden sind in diesem Segment nicht bereit, für teure Spritspartechnik extra zu zahlen. Ford Ka, Opel Adam, Opel Carl, Fiat 500 und die Smart-Verbrenner sind bereits ausgestorben.

Die Lieferengpässe in der Elektro-Marktnische kommen nicht von ungefähr

Absurder Nebeneffekt des Klimarettens ist also eine Flotte von PS-Protzen, die, wenn überhaupt, nur im Elektrobetrieb umweltfreundlich sind. Elektrische Kleinwagen wie der Opel Corsa-e sind immer noch zu teurer und kommen nur dank massiver Förderung unter die wichtige Schwelle von 20 000 Euro. Wenn der Umweltbonus ausläuft, werden solche Neuwagen schlagartig unverkäuflich. Der Schnäppchen-Alarm bei den Stromern bedeutet aber noch nicht, dass die Kunden auch kriegen, was sie wollen. Elektromodelle wie der VW up sind bis auf weiteres ausverkauft und auch beim neuen VW ID 3 hakt es an allen Ecken und Enden. Die Hersteller führen die neuen Elektroantriebe zusammen mit neuen Elektronik-Plattformen ein, deshalb gibt es reichlich Software-Probleme. Renault hat das beim kleinen Zoe mit der neuen, großen Batterie bereits durchexerziert. Im vierten Quartal 2019 wurden die Auslieferungen monatelang gestoppt. Schöner Nebeneffekt: Die nachgeholten Elektro-Neuzulassungen lassen die CO₂-Flottenwerte der Franzosen in diesem Jahr abrupt sinken.

Gerechnet wird bis zum Schluss, da sollte sich niemand etwas vormachen: Es hat ja einen Grund, warum die deutschen Hersteller erst jetzt mit vielen neuen Stromern auf den Markt kommen. Beim CO₂-Zieleinlauf zum Ende des Jahres wollen sie eine Punktlandung hinlegen: Bloß keinen zu niedrigen Flottenwert erreichen, denn die Ergebnisse 2020 sind die Absprungbasis für den nächsten Reduktionsschritt bis 2025. Deshalb werden viele Kunden entnervt auf Ihr E-Auto warten, das Anfang des nächsten Jahres - oh Wunder - plötzlich verfügbar sein wird.

Bei den Traditionsmarken herrscht dasselbe Chaos, das sie bei Tesla verspottet haben. Die Kalifornier sind mit einer Verdreifachung ihres Absatzes die eigentlichen Krisengewinner in Europa. Zumal Tesla-Kunden mit stabilen Restwerten bei Gebrauchtwagen rechnen können. Was gerade bei kompakten E-Mobilen anderer Marken nicht der Fall ist. Für Otto-Normalverbaucher ist das alles genauso intransparent wie die Klimabilanz der Stromer. Kein Wunder, dass jeder zweite Befragte in einer neuen Allensbach-Umfrage erwartet, dass sich die Elektromobilität durchsetzen wird. Aber nur knapp jeder Vierte hält das auch für erstrebenswert. Beim emissionsfreien Fahren ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig.

© SZ vom 17.10.2020/reek
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