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SZ-Serie Lastenräder im Familientest:Der Volvo unter den Cargobikes

Im Ca Go sitzen die Kinder besonders tief - dadurch ragt nur der Kopf heraus und der Nacken ist bei einem Unfall geschützt.

(Foto: Oliver Nehring Ca Go Bike GmbH; Ca Go)

In puncto Sicherheit hat sich bei Lastenrädern in den vergangenen zehn Jahren kaum etwas getan. Das Koblenzer Unternehmen Ca Go will das ändern.

Von Felix Reek

Bei diesem Anblick dürften Eltern ganz blass werden: In einem Test der Basler Versicherung prallt ein E-Lastenrad mit zwei Kindern in der Transportbox mit 25 km/h in das Heck eines Autos. Die kleinen Crashtest-Dummys schnellen nach vorne und schlagen mit den Helmen gegen das Blech des Pkw, bei einem reißt der Gurt. Danach folgt der Fahrer des Cargobikes, auch er trifft mit dem Kopf auf. Alle drei erleiden schwere Verletzungen, ein Kind wäre nach diesem Unfall tot. Ein schreckliches Bild, das bestätigt, was viele Fachleute schon lange bemängeln: Es ist gibt keine Sicherheitsstandards für Lastenräder.

Und das, obwohl die Cargobikes immer beliebter werden. Zwar existiert seit Februar eine neue DIN-Verordnung für Lastenräder, die unter anderem vorschreibt, wie viel Zug ein Gurt aushalten muss, doch sie ist nicht verbindlich. Das heißt, sie ist eine Empfehlung - daran halten müssen sich die Hersteller nicht. Ein Umstand, der vielen Eltern nicht bewusst sein dürfte. Die Sicherheit von Passagieren in Cargobikes ist oft erschreckend rudimentär: Die Kinder sitzen auf Pritschen in einfachen Boxen aus Holz oder Plastik, festgeschnallt mit Gurten, die vor allem dazu dienen, dass sie nicht während der Fahrt herumklettern.

Der Koblenzer Hersteller Ca Go will das jetzt ändern. 2017 schlenderten die beiden Gründer Franc Arnold und Thorsten Michel über die Fachmesse Eurobike und bemerkten die vielen Lastenräder. Nur eines konnten sie nicht verstehen: Warum die Hersteller Holzboxen zum Transport nutzen. Ein starres, schweres Material, das kaum Schutz bietet und splittern kann. Michel stammt aus dem Automobilbau, er fragte seinen Begleiter: "Warum nutzen die nicht EPP dafür?" "Expandiertes Polypropylen" ist ein Partikelschaumstoff, der leicht ist und nicht bricht. Er wird im Automobilbau unter anderem eingesetzt, um Kollisionen abzumildern - die Idee für das Ca Go-Lastenrad war geboren.

"Das hat ja richtige Sitze!"

Die Unterschiede zeigen sich schon auf den ersten Blick. "Das hat ja richtige Sitze!", ruft die Tochter sofort, als sie das Ca Go in der Einfahrt sieht. Tatsächlich ist es das einzige der sechs Lastenräder in der SZ-Testreihe, das für jedes Kind einen eigenen ergonomischen Sitz bietet. Dessen Kopfstützen verstellbar sind. Und so geformt, dass sich das Kind mit einem Helm auf dem Kopf bequem anlehnen kann. Bei dem die Sitze mit der Box verschraubt sind und die Dreipunkt-Gurte am Rahmen befestigt. Und in der die Kinder fast auf dem Boden der Box sitzen, so dass der Schwerpunkt des Rades tiefer liegt.

Dieses Sicherheitskonzept zieht sich durch die ganze Konstruktion des Ca Go. Der tiefe Sitz etwa hat einen weiteren Vorteil: Nur der Kopf der Kinder schaut heraus, der Nacken ist geschützt, einer der Schwachpunkte von Lastenrädern. "So ein Kinderhals ist fragil", sagt Matthias Naumann von Ca Go. Deswegen ist die Box aus EPP noch mit einem umlaufenden Aluminiumrahmen verstärkt.

Auch an den Fahrer oder die Fahrerin wurde gedacht. Schon beim ersten Aufsteigen fällt auf: Irgendetwas ist anders. Die Kurbel ist verkürzt, das Tretlager wurde tiefergelegt. In Kombination mit der Sitzstange soll das dafür sorgen, dass die Sitzposition für Größen zwischen 1,55 und zwei Metern angenehm bleibt, aber der Fahrer trotzdem mit beiden Füßen auf den Boden kommt. Bei der eigenen Größe von über 1,90 klappt das auf jeden Fall problemlos, ohne den Lenker nachjustieren zu müssen. Das Fahrgefühl ist klassisch Longjohn - so nennt man die zweirädrigen Lastenräder mit Ladebox vorn.

Lang aber erstaunlich wendig

Insgesamt erinnert das Ca Go an das Urban Arrow Family aus unserer Testreihe. Mit 49 Kilogramm ist das Ca Go fast exakt so schwer, mit 2,70 Meter zehn Zentimeter länger. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auf. Das Ca Go wirkt ein wenig, als habe sich jemand alle auf dem Markt erhältlichen Longjohns angesehen, jedes Detail in Frage gestellt - um es im Anschluss ein kleines bisschen besser zu machen.

Die Ca Go-Box besteht aus "expandiertem Polypropylen", einem Partikelschaumstoff, der leicht ist und nicht bricht. Für Lieferdienste gibt es einen abschließbaren Deckel.

(Foto: Oliver Nehring/Ca Go)

Der Tacho in der Mitte des Lenkers zum Beispiel ist abnehmbar, es gibt ein Fernlicht, die Batterien sind nicht am Rahmen sondern unter dem Boden der Transportbox angebracht, der Ständer klappt automatisch mit Gasdruckfeder ein. Die Gabel vorne ist gefedert, hinten fängt der extrabreite 27-Zoll-Ballonreifen von Schwalbe viele Stöße ab. Eine manuelle Schaltung gibt es nicht mehr, das Ca Go legt die acht Gänge automatisch ein. Per App lassen sich der Bosch-Motor der CX Cargo Line und die Enviolo Cargo Automatiq noch auf den persönlichen Geschmack anpassen.

Das ist aber nicht nötig. Das Ca Go fährt sich entspannt, so wie es vom Hersteller ausgeliefert wird. Trotz seiner Länge ist es erstaunlich wendig, was daran liegen dürfte, dass sich das Vorderrad fast um 90 Grad einschlagen lässt. Mühselig wird es nur, wenn der Fahrer das Rad am Sattel anhebt, um es zu rangieren. Da machen sich die 49 Kilogramm plus Kinder in der Box bemerkbar. Die stört es aber wenig, wenn sich der Vater abmüht. Sie fühlen sich in der Box schnell wie zu Hause. Am Ende jeder Fahrt sitzen sie mit hängendem Kopf in der Box und sagen: "Das war zu kurz."

Je länger die Kinderbeine, desto weniger Stauraum

Doch natürlich hat das Ca Go auch Nachteile. Um bequem zu sitzen, müssen die Kinder die Beine ausstrecken. Womit der Platz auf dem Boden der Box zum Abstellen von Einkäufen mit der Länge der Beine schwindet. Im Falle einer Fünfjährigen ist faktisch keiner mehr vorhanden. Das Ca Go löst das durch Tablett-Einlagen, die sich über den Kinderbeinen einrasten lassen. Aber natürlich ist dann der Stauraum bei weitem nicht so groß. In anderen Longjohns sitzen die Kinder höher in der Box, so dass sie die Beine anwinkeln können - dafür ragen die Köpfe wieder weit hinaus aus der Transportbox. Das kann fatal sein, wenn das Cargobike zur Seite kippt.

Im Ca Go hat jedes Kind einen eigenen ergonomischen Sitz, die Kopfstützen sind verstellbar und die Dreipunkt-Gurte am Rahmen befestigt.

(Foto: Oliver Nehring/Ca Go)

Der zweite Nachteil: Zwar lässt sich das Ca Go schon jetzt bestellen, aber das dazugehörige Regendach ist noch nicht fertig, es folgt im Februar. Was für viele ein Grund sein könnte, lieber mit der Bestellung zu warten. Falls sie den Schock überstanden haben, der am Ende des Konfigurators steht: Denn das Ca Go ist deutlich teurer als die Konkurrenz auf dem Markt. Der Grundpreis liegt bei 6435 Euro. Mit Kindersitzen (190 Euro pro Stück) und Regendach (390 Euro) landet das Ca Go schnell jenseits von 7000 Euro. Das ist viel für ein Cargobike, aber angesichts der Innovationen, die im Ca Go stecken, nicht weiter verwunderlich. Einer muss schließlich den ersten Schritt machen hin zu mehr Kindersicherheit am Cargobike. Die Kunden müssen jetzt entscheiden, ob sich das auch wirklich durchsetzt.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

© SZ vom 31.10.2020
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