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Architektur-Vision "SkyCycle":Radeln über den Dächern der City

SkyCycle London - Modell

Der "SkyCycle" in London ist bislang nicht mehr als eine Vision. Fraglich, ob sie je realisiert wird.

(Foto: Visualisierung: Foster + Partners)

Unter Boris Johnson sollte London fahrradfreundlicher werden. Passiert ist bisher wenig, auch der spektakuläre Fahrrad-Highway "SkyCycle" von Architekt Norman Foster droht zu scheitern. Nun setzt Kopenhagen die Idee um.

Wenn Boris Johnson in die Pedale tritt, hat er die Verkehrsrevolution fest im Blick. Sagt er jedenfalls. Der Bürgermeister von London, bekannt durch wuschelige Haare, exzentrische Auftritte und ungebremste politische Ambitionen, gilt als leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Seit seinem Amtsantritt vor acht Jahren wurden neue Radwege gebaut, im Stadtgebiet stehen über 10 000 Leihfahrräder zur Verfügung. Der Anteil der Pendler, die mit dem Rad zur Arbeit fahren, steigt langsam, aber sicher.

Andererseits bleibt Radfahren in London eine tückische Angelegenheit. Allein 2013 kamen 14 Radfahrer im Straßenverkehr ums Leben, meist beim Abbiegen und unter Beteiligung eines Lkw. Viele Kreuzungen sind unübersichtlich, es fehlt an Spiegel, Markierungen und sicheren Abgrenzungen. Selbst bei den touristischen Strecken ist Vorsicht angesagt: Die Tower Bridge sollte man ohne Helm erst gar nicht betreten - dort wird es schon eng, wenn sich zwei Busse begegnen.

Vorbild Kopenhagen

Um die Situation nachhaltig zu verbessern, bräuchte es nicht nur neue, sondern vor allem bessere Radwege. Schon lange fordern Verbände, London endlich zu "kopenhagenisieren", also großflächige, vom Verkehr getrennte Radwege zu bauen - ganz nach dem Vorbild der dänischen Hauptstadt. Der Architekt Norman Foster, der unter anderem die gläserne Kuppel des Berliner Reichstags entworfen hat, geht noch weiter. Er plant ein Netz aus separaten Fahrrad-Highways, die sich über 220 Kilometer quer durch die Stadt ziehen. Der "SkyCycle" soll nicht etwa am Boden, sondern über den Bahngleisen verlaufen. Ungebremst und abgeschirmt vom restlichen Verkehr könnten bis zu 12 000 Radfahrer pro Stunde jede Strecke des himmlischen Transportwegs benutzen.

Eine Vision? Ein Scherz? Es wäre in jedem Fall ein Projekt der Superlative. Halb London grübelt über die ungewöhnliche Idee, seit sie der Stararchitekt im Januar vorstellte. Inzwischen ist klar, dass es ihm ernst ist. "Als vor 150 Jahren die U-Bahn gebaut wurde, haben die Leute auch die Köpfe geschüttelt", sagt Huw Thomas, Architekt bei Foster+Partner. "Niemand konnte sich vorstellen, wieso man erst in den Untergrund gehen muss, um ein Transportmittel zu besteigen. Heute bekommt deswegen niemand mehr Schweißausbrüche."

Ob London, Paris oder München: Wachsende Metropolen brauchen zukunftsfähige Verkehrskonzepte

Angst und bange wird den Londonern eher, wenn sie an das tägliche Verkehrschaos denken. "Die Bevölkerung explodiert", warnt Thomas. In spätestens 15 Jahren lebten nicht mehr achteinhalb, sondern über zehn Millionen Menschen in der Stadt. "Wo sollen die alle wohnen? Wie kommen sie zur Arbeit? Das Straßennetz ist doch schon jetzt hoffnungslos überlastet." Die Lösung: eine umweltfreundliche, platzsparende Trasse wie der SkyCycle. Die Vision der Architekten geht noch weiter: "Wer sagt, dass da oben nur Fahrräder fahren?", fragt Thomas. "Man könnte dort auch wohnen, um die Stadt zu entlasten."

Sam Martin findet die Idee genial. Der Landschaftsplaner arbeitet südlich der Themse, in einem Industriegebiet neben dem Battersea Park. Wohnlich wirkt die Gegend nicht gerade. Stattdessen rattern im Minutentakt Züge vorbei, mehrere Bahnlinien kreuzen sich, dazwischen vierspurige Straßen. "Die Verkehrsadern durchschneiden alles", schimpft Martin, der ebenfalls am SkyCycle-Projekt beteiligt ist. "Da ist doch ein richtiges Leben kaum möglich. Und gefährlich ist es auch." Er selbst fahre schon seit einiger Zeit kein Fahrrad mehr in London. "Ich bin doch nicht lebensmüde." Ein sicherer, platzsparender Fahrrad-Highway, der auch noch die Häuser verbindet? "Das wäre die Antwort auf viele Fragen unserer Zeit."

Nutzlose "Fahrrad-Superhighways"

Selbst wenn Unfälle nicht tödlich enden, wird es für Zweiradfahrer in London oft brenzlich. Auch die vier "Fahrrad-Superhighways", die in den vergangenen Jahren mit großem Pomp eröffnet wurden, helfen da wenig. Es handelt sich dabei um normale Radwege, die vom Restverkehr in keiner Weise abgetrennt sind. Sobald Busse und Lkw ins Spiel kommen, wird es richtig eng - und gefährlich. Hinzu kommen Taxis und Lieferwägen, die verbotenerweise auf den Superhighways parken. Alex Browning, ein 28-jähriger Anwalt, der täglich zur Arbeit radelt, bringt seinen Unmut auf den Punkt: "Momentan wird Radfahren zwar politisch stark gefördert, aber bei der Sicherheit tut sich kaum etwas."

In Deutschland ist der Radverband ADFC dem SkyCycle nicht abgeneigt. "Er ist architektonisch und touristisch spannend", sagt ADFC-Referent Roland Huhn. Zudem lasse er eine höhere Wertschätzung für Radfahrer erkennen. Aber: "Ob er im Alltag praktisch ist, lässt sich nur schwer sagen. Um auf den Highway zu kommen, müssten Radfahrer Steigungen und vermutlich auch Umwege in Kauf nehmen." Auch seien die Kosten für ein solches Projekt "eher untypisch für die vergleichsweise günstige Infrastruktur des Radverkehrs", so Huhn.

Die anfängliche Euphorie ist verflogen

Mit dieser Meinung steht der ADFC nicht allein. Als Mark Ames zum ersten Mal vom SkyCycle hörte, war er baff. "Was für eine tolle Vorstellung, über die Stadt zu gleiten, während unten die Autos im Stau stehen", dachte sich der 32-Jährige, der hauptberuflich als Manager einer Modekette arbeitet. Gleichzeitig gilt Ames als einer der profiliertesten Fahrrad-Blogger Londons, weshalb ihn sogar die Stadtverwaltung in Verkehrsfragen konsultiert. Beim SkyCycle ist seine anfängliche Euphorie verflogen: "Es ist eine schöne Zukunftsvision, aber sie wird nicht funktionieren."

Besonders kritisch sieht der Blogger die Finanzierungsfrage. Rund sechs Milliarden Euro würde der SkyCycle kosten, so die offizielle Schätzung. "Wenn überhaupt, ginge das nur mit Investoren", sagt Ames. Aber die wollten irgendwann ihr Geld wiedersehen, weshalb alles auf eine Maut hinauslaufe. "Radfahren wäre nicht mehr die kostengünstige Alternative, die sie sein sollte." Die Planer halten dagegen: "Natürlich hört sich die Summe happig an", gesteht Thomas, "aber bei anderen Projekten nehmen wir das auch hin. Wenn die U-Bahn verlängert wird, kosten zwei Stationen so viel wie der gesamte SkyCycle."

Verschwindet der SkyCycle in der Schublade?

Die Gegner des Fahrrad-Highways fordern, das Geld lieber in die Verbesserung der bestehenden Infrastruktur zu stecken. "Die sollten wir kopenhagenisieren", sagt Ames und meint damit einen kompromisslosen Ausbau von Radwegen. Zumindest ein bisschen hat sich Boris Johnson dieses Vorschlags nun angenommen. In Zukunft sollen die Superhighways getrennt vom restlichen Verkehr verlaufen; 1,25 Millionen Euro stehen für Verbesserungen bereit. Und der SkyCycle? Soll wohl am liebsten in der Schublade verschwinden. Auf Nachfragen, ob man die Idee weiterverfolge, reagiert das Rathaus ausweichend: "Der Bürgermeister ist immer interessiert an innovativen Projekten", beteuert Pressesprecherin Sarah Gasson. Ob damit auch der SkyCycle gemeint ist, bleibt offen. Die Verkehrsbetriebe sagen - nichts.

Während die Einwohnerzahlen in der britischen Hauptstadt weiter steigen, schlägt Boris Johnson womöglich eine einmalige Chance in den Wind, auch wenn das der Fahrradliebhaber ungern zugibt. Unverhofft musste er aber kürzlich trotzdem Stellung beziehen. In der Radiosendung "Ask Boris", in der sich der Bürgermeister jeden Monat den Fragen seiner Wähler stellt, konfrontierte ihn ein Anrufer mit dem SkyCycle. Wie er denn nun zu dem Projekt stehe, wollte der Mann wissen. Der Bürgermeister antwortete ziemlich direkt: "Als Radfahrer denke ich nicht, dass es das ist, was die Stadt braucht."

Mini-SkyCycle in Kopenhagen

Von solchen Aussagen wollen sich die Planer nicht entmutigen lassen. "Vielleicht kann uns die britische Regierung Mittel zur Verfügung stellen", hofft Sam Martin. Dann wäre zumindest das Geldproblem gelöst. Architekt Thomas befürchtet, dass es noch mindestens ein Jahrzehnt dauert, bevor der SkyCycle verwirklicht wird - wenn nicht in London, dann zumindest in Paris oder Berlin. "Das Problem der wachsenden Städte gibt es überall auf der Welt", sagt Thomas. "Es wird nicht verschwinden, und das zwingt uns dazu, neu zu denken."

Während London also weiter über den ganz großen Wurf diskutiert, schreitet die Fahrradstadt Kopenhagen peu à peu voran. Im Juni ist dort im Hafenviertel eine Miniaturversion des SkyCycles eröffnet worden, die 220 Meter lange "Cykelslangen". Die Radelschlange hat zwar nur die Dimension einer größeren Hafenbrücke, ist aber an 300 Kilometer Radschnellwege angeschlossen, die radial vom Zentrum in den Großraum Kopenhagen führen. Bis 2015 soll die Hälfte des Personentransports in Dänemarks Hauptstadt per Fahrrad geschehen - weltweit Spitze!

© SZ vom 06.09.2014

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