Abgasskandal Heute scheint der Geist der Autoindustrie verloren zu sein

Der Ingenieur als Gesandter Gottes, die Ursprünge dieser Anmaßung sind Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden. In Stuttgart wird gerade das Polytechnikum gegründet, hier versammeln sich all die Studenten, die mit der humanistisch geprägten Landesuniversität in Tübingen nichts zu tun haben wollen. Die Stimmung ist euphorisch, Mechanisierung und Industrialisierung beginnen, wer in Stuttgart studiert, zählt sich zur Avantgarde. Und wird auch dazu gezählt. Karl Friedrich Benz, Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und auch Robert Bosch machten in diesem Umfeld ihre Erfindungen.

Heute scheint dieser Geist in der Autoindustrie verloren zu sein. Das Selbstbewusstsein ist zwar geblieben, geschwunden aber ist die offene Neugier. "Das Beste oder nichts", so wirbt Mercedes jetzt. Es klingt wie der Endpunkt einer Entwicklung, erstarrt.

Das Auto ist gesellschaftlich ein dummes Ding

Die Konzerne wirken dabei so hermetisch wie die Produkte, die sie herstellen. War es vor 20 Jahren mit etwas Geschick noch gut möglich, einen Anlasser selbst auszutauschen, sind die Autos von heute nahezu vollständig versiegelte Systeme. Der Ingenieur hat endgültig alle Macht übernommen. Doch während er am Innern seines Gefährts tüftelte, veränderte sich das Außen radikal. Das Ding, das er nun baut, ist technisch vielleicht brillant und im Autokosmos die Krone der Schöpfung. Gesellschaftlich ist es ein dummes Ding.

Es gibt Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind. Pendler, Pflegekräfte, Ladenbesitzer. Das erklärt aber nicht, warum die Deutschen so viele Autos kaufen wie selten zuvor. Innerhalb des Mittleren Rings von München, in den Innenstadtbezirken von Berlin, in einem guten Radius rund um die Alster in Hamburg, da ist ein Auto oft nur ein überflüssiger und zerstörerischer Luxus. Trotzdem steigen die PS-Zahlen genauso stetig wie die Ausmaße der Gefährte. Ja, das Car-Sharing nimmt zu, und vor allem jungen Männern ist das eigene Auto inzwischen nicht mehr so wichtig. Doch da viele Menschen bis ins hohe Alter fahren, wird der Verkehr erst einmal nicht weniger.

Ein "Fukushima-Moment"? Eher nicht

Ließe man den Dingen einfach ihren Lauf, dann wäre der Abschied vom Auto als kraft- und technikstrotzende Identifikationsmaschine ein Prozess über mehrere Generationen. Nach dem unseligen Dieselgipfel warnte Grünen-Chef Cem Özdemir die Autoindustrie vor einem "Fukushima-Moment". Doch der Vergleich trifft nicht zu: Denn wer liebt schon ein Stromunternehmen? Am ehesten lässt sich der Ablöseprozess mit dem Ausstieg aus der Kohle vergleichen. Auch hier muss eine in Jahrzehnten gewachsene Kultur, die des Bergbaus, beendet werden.

Aber das Klima wartet nicht, bis die Deutschen ihre wahnhafte Beziehung zum Auto gelöst haben. Dafür bräuchte es Politiker, die klüger agieren als viele ihrer Wähler und auch mutiger. Danach sieht es nur gerade nicht aus.

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