Wissenschafts-Hoax Der Penis als Klimakiller

Ein wissenschaftliches Fachjournal ist auf eine sinnfreie Studie zum "sozial konstruierten Penis" hereingefallen. Darin brandmarken zwei Autoren das männliche Glied als Verursacher allen Übels.

Von Sebastian Herrmann

Um den Ruf des Mannes und seines Geschlechtsteils steht es schlecht. Ein jüngst im Fachjournal Cogent Social Sciences publizierter Aufsatz fügt sich da passend ins Bild: "Penisse sind problematisch", schreiben die Autoren und verweben in ihren Ausführungen diverse Argumente zu der These, dass das männliche Geschlechtsorgan so etwas wie die Hauptursache für den anthropogenen Klimawandel sei.

Zudem könne der Penis kaum als anatomische Gegebenheit verstanden werden, behaupten die Forscher weiter, sondern sei vielmehr als soziales Konstrukt zu begreifen. Verpackt sind die Thesen in der hermetischen Sprache des Postmodernismus, die beim Lesen oft Zweifel weckt, ob man zu doof für den Text ist oder ob es sich schlicht um verstiegenen Unsinn handelt.

Prä-post-patriarchalische Gesellschaft? Nicht einmal dieser Begriff weckte Misstrauen

Bei dem Aufsatz über den sozial konstruierten Pimmel, der den Klimawandel irgendwie erst ermöglicht, handelt es sich zweifelsfrei um Unfug - der jedoch in einem echten Fachjournal veröffentlich wurde. Die beiden Autoren Jamie Lindsay und Peter Boghossian haben dem Open-Access-Journal Cogent Social Sciences ein Nonsense-Paper untergejubelt, das aus weitgehend sinnfreiem Geschwafel besteht, sich aber des Jargons bedient, der viele gendertheoretische Texte auszeichnet.

Wie sie auf der Webseite skeptic.com schreiben, verfolgten die Autoren damit zwei Ziele. Zum einen wollten sie demonstrieren, dass Open-Access-Journale, die für wissenschaftliche Veröffentlichungen, anders als klassische Fachzeitschriften, Geld von den publizierenden Forschern verlangen, leicht mal Unsinn veröffentlichen, ohne diesen kritisch zu prüfen; schließlich bekommen sie es bezahlt.

Zum anderen, so Lindsay und Boghossian, wollten sie zeigen, dass sich in manchen akademischen Feldern der gröbste Unfug publizieren lässt, wenn er nur zu den dort vorherrschenden Überzeugungen passt. Im Fall der Gendertheorie bedeute das, so die Überlegungen der beiden, dass ein Aufsatz die Redaktion schneller überzeugt, wenn Männlichkeit darin als grundsätzlich problematisch und toxisch dargestellt werde.

Offen, aber mangelhaft

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In den luziden Passagen leistet der Text das auf eindrückliche Weise. Wenn Männer mit breiten Beinen sitzen, entspreche dies der Vergewaltigung des leeren Raumes um sie herum, erläutern die vermeintlichen Experten und streuen weitere Anwürfe in sperriger Sprache in den Aufsatz. Der Beitrag sei ganz im Stil der poststrukturalistischen, diskursiven Gendertheorie verfasst, schreiben die Autoren in ihrer Enthüllung auf skeptic.com und bekennen, selbst keine Ahnung zu haben, was das eigentlich genau sei. Macht aber nichts, die Gutachter des noch recht jungen Journals beanstandeten selbst bizarre Begriffe wie "prä-post-patriarchalische Gesellschaft" nicht. Sie fragten lediglich weitere Literaturbelege an, um die These abzusichern. Diese lieferten Lindsay und Boghossian, in dem sie einen Textgenerator im Internet verwendeten, der postmoderne, sinnfreie Aufsätze erstellt. Das stellte die Gutachter zufrieden, der Beitrag über den sozial konstruierten Penis wurde veröffentlicht.

Von der Notwendigkeit feministischer Gletscherkunde

Die Aktion gleicht jener des Physikers Alan Sokal, der in den 1990er-Jahren einer sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift eine sinnfreie Parodie als echten Beitrag unterjubelte. Auch jener Text bediente sich des sperrigen postmodernistischen, poststrukturalistischen Jargons, um Quantengravitation als vermeintlich sozial und linguistisch konstruiertes Phänomen darzustellen. Tatsächlich handelte es sich um blanken Unsinn, mit dem Sokal die zweifelhaften Usancen einer ganzen akademischen Disziplin bloßstellen wollte.

Den Urhebern des aktuellen Hoaxes wurde auf Twitter und anderswo unter anderem vorgeworfen, transphob zu sein. Zahlreiche Kommentatoren vertraten auch den Standpunkt, dass die Aktion das Geschäftsmodell der Open-Access-Journal bloßstelle, aber keinesfalls die Methodik der akademischen Genderforschung. Wie gut der fabrizierte Unfug allerdings zu den Publikationen dieses Faches passt, demonstrieren die Beiträge des Twitter-Feeds von New Real Peer Review. Dieser veröffentlicht Fachbeiträge aus sozialwissenschaftlichen Journalen, die, nun ja, zumindest sehr seltsam klingen, aber so tatsächlich veröffentlicht wurden. Etwa der Beitrag über die Notwendigkeit einer feministischen Gletscherkunde; oder der darüber, dass Zoobesuche mit Kindern Geschlechterstereotypen verfestigen; oder der Aufsatz mit der These, dass es ein Zeichen maskulinen Hegemoniestrebens sei, wenn Männer zu Hause kochen. In diesem Stil listet der Twitter-Feed sehr viele Publikationen auf. Alle werfen sie die Frage auf: Wovon sprechen die da genau? Und meinen die das wirklich ernst, oder ist auch das ein Scherz?

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