Visionen in der Wissenschaft Und dann fliegen wir!

Zukunftsvision auf einer Postkarte aus dem Jahr 1900: Luftschiffe für den Heimgebrauch

(Foto: Hildebrands / Public Domain)

Dörfer im Weltraum, eine Welt ohne Krankheit: Visionen der Wissenschaft werden selten zur Realität. Trotzdem brauchen wir sie dringend.

Von Kathrin Zinkant

Lesedauer: 10 Minuten

Albert der Erste trug eine Windel, als die Menschheit sich aufmachte, eine ihrer wohl größten Visionen zu verwirklichen. An einem Tag im Jahr 1948 setzte man den Affen in die beengte Metallspitze einer V2-Rakete, an die Stelle, wo normalerweise der Sprengkopf steckte. Die Deutschen hatten während des Krieges gezeigt, dass die V2 den Weltraum erreichen konnte.

Auf die Kriegsbeute aus Deutschland sollte nun das Raumfahrtprogramm der Vereinigten Staaten gebaut werden. Man wollte zunächst sehen, ob dort oben, jenseits der Schwerkraft, auch ein Mensch überleben würde. Albert der Erste erstickte, bevor die V2 überhaupt abhob. Albert II. immerhin überlebte den Flug einer zweiten Rakete lange genug, um die Experimentatoren zu der Überzeugung zu bringen: Yes, we can.

Für seine Zeitgenossen war Ziolkowski ein Spinner. Später galt er als großer Visionär

Der Rest ist Geschichte, aber damals war das Ganze natürlich völliger Irrsinn. Die Idee, sich auch nur im Weltall aufzuhalten, geschweige denn dort leben zu können, entbehrte jeder vernünftigen wissenschaftlichen Grundlage und nährte sich im Wesentlichen von den literarischen Fantasien Jules Vernes. Und von den Visionen eines Russen namens Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski. Der Lehrer und Amateurforscher hatte schon ein halbes Jahrhundert zuvor Pläne für Weltraumtürme und -fahrstühle gemacht.

1903 veröffentlicht er in einer wissenschaftlichen Zeitschrift seine Abhandlung "Erforschung des Weltraums mittels Reaktionsapparaten". Darin formulierte Ziolkowski erstmals die Raketengrundgleichung für einen Flug ins All. Seine russischen Zeitgenossen ignorierten ihn jahrzehntelang. Große Weltraumforscher ließen sich später von ihm inspirieren.

Heute gilt Ziolkowski als Visionär. Als einer, der seiner Zeit weit voraus war. Der nicht auf das pochte, was bereits war, sondern eine Vorstellung von dem entwickelte, was sein könnte - obwohl die erforderlichen Mittel überhaupt noch nicht existieren. Das ist der Kern der Vision: Sie ist kein Versprechen. Sie ist auch keine Wettervorhersage, von der man mit einer gewissen Berechtigung erwarten darf, dass sie am nächsten Tag eintrifft. Visionen sind Skizzen einer möglichen Zukunft, Ideen für eine andere, meist bessere Welt. Selten lassen sie sich zeitnah realisieren.

Die beste aller möglichen Welten war für Leibniz eine, die stets nach vorne strebt

Weshalb Menschen und ihre Visionen oft verspottet oder als irre abgetan werden. Das passiert auch heute immer wieder. So kündigte der amerikanische Präsident Barack Obama in seiner State of the Union-Rede vor gut zwei Wochen an, einen neuen "Moon shot" zu wagen und den Krebs "ein für alle Mal" zu besiegen. Die Vision, eine Krankheit wie Krebs mithilfe von rigoroser Forschung bezwingen zu können, sie ist nicht neu.

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Sidney Farber, der Vater der Chemotherapie, war in den 1940er-Jahren von ihr getrieben. Und mit Richard Nixon verkündete 1971 schon einmal ein US-Präsident, aus der Vision Realität zu machen. Er scheiterte. Aber ist die Vision deshalb verwerflich, ist es falsch, eine Welt zu zeichnen, in der Krebs so gut zu behandeln ist wie eine Infektion?

Die New York Times veröffentlichte noch am Tag von Obamas Rede eine vernichtende Kritik: Die bekannte Wissenschaftsautorin Gina Kolata warf dem Präsidenten darin eine antiquierte, naive Idee der Krankheit Krebs vor, die bei Nixon stehen geblieben sei. Man wisse heute, dass es Hunderte sehr verschiedene Arten von Krebs gebe. Von "der einen Heilung" zu sprechen, sei irreführend.