US-Polizei "In einem guten Viertel ein Graffiti zu entfernen, könnte einen positiven Effekt zeigen"

Unordnung provoziert weitere Unordnung, ganz im Sinne der Broken-Windows-Theorie - mit einem kleinen Haken. Die Soziologen hatten die Wohnheime so gewählt, dass sie sich hinsichtlich des Zusammenhalts der Bewohner unterschieden. In einem der Häuser werden neue Bewohner in einem zentralen Verfahren ausgelost; die aktuellen Mieter haben kein Mitspracherecht. Im anderen Heim werden Plätze hingegen wie in einer WG vergeben. Die Bewohner suchen die Bewerber aus, die am besten zur Gemeinschaft passen. Mit Erfolg: Die Studenten des Mitbestimmungswohnheims kochen häufiger gemeinsam und pflegen auch sonst einen engeren Umgang miteinander als die Studenten in dem eher anonymen Haus. Aber ausgerechnet die Bewohner der Gemeinschaft mit hohem Zusammenhalt ließen sich von Unordnung leichter anstecken und schmissen ihre Flyer einfach auf den Boden.

Den gleichen Effekt beobachteten Keuschnigg und Wolbring, als sie Münchner Stadtviertel verglichen. Dazu beachteten sie Faktoren wie die Wahlbeteiligung, den Anteil von Familien und Kriminalitätsraten. Dann beobachteten sie, wo sich Passanten leichter von schlechten Vorbildern verleiten ließen und ebenfalls bei Rot über eine Ampel gingen. So wie die Bewohner der Studentenwohnheime mit hohem Zusammenhalt ließen sich auch die Bewohner guter Quartiere eher von Fehlverhalten anstecken.

Wer allen Anfängen wehrt, der findet eben irgendwann kein Ende mehr

Doch welche Konsequenzen hat das für eine Nulltoleranzpolitik im Sinne der Broken-Windows-Theorie? Schließlich lässt sich schon über die Motivation der einzelnen Teilnehmer nur spekulieren, die gegen Regeln verstießen. Die Forscher wagen dennoch einen Schluss. "In einem guten Viertel ein Graffito zu entfernen, könnte einen positiven Effekt zeigen", sagt Keuschnigg, "aber in schlechten Nachbarschaften hat das wahrscheinlich keine Wirkung." Nulltoleranz in gehobener Umgebung? So werden Kriminalitätsbrennpunkte in Großstädten nicht befriedet.

Auch die befürchtete Kaskadenwirkung der Unordnung zeigt Grenzen. Ein Aspekt der Broken-Windows-Theorie ist, dass Unordnung andere Normverstöße begünstigt, dass Müll etwa auch zu Diebstahl animiert. Keuschnigg und Wolbring untersuchten diese These mit einem weiteren Experiment: Sie legten adressierte Kuverts vor Briefkästen, durch deren Sichtfenster Geldscheine zu sehen waren. Die Situation sollte wirken, als habe jemand die Umschläge fallen lassen, als er sie in den Briefkasten werfen wollte.

Wieder veränderten die Soziologen die Umgebung: Lehnten sie kaputte Fahrräder an den Briefkasten, nahmen mehr Passanten die Kuverts mit - wenn darin Fünf- oder Zehn-Euro-Scheine steckten. War ein 100-Euro-Schein im Kuvert, zeigte die verwahrloste Umgebung keine Wirkung, die Diebstahlrate blieb konstant. "Wenn es wirklich um etwas geht, lassen sich Menschen nicht von schwachen Umweltreizen leiten", sagt Keuschnigg. Die Broken-Windows-Theorie lässt sich wohl nur auf harmlose Normverletzungen anwenden. Echte Verbrechen verhindert Nulltoleranz gegen Bagatellvergehen nicht.

Stadt im Aufruhr

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Den Opfern der Nulltoleranz helfen die methodischen Zweifel auch nicht mehr. Etwa dem 43-jährigen Eric Garner, der im Juli 2014 im Haltegriff eines New Yorker Polizisten starb. Sein mutmaßliches Vergehen: Garner verkaufte angeblich einzelne Zigaretten und hinterzog dadurch Steuern, was die Polizei unerbittlich verfolgte. Wer immer allen Anfängen wehrt, der findet irgendwann kein Ende mehr. Bei Protesten gegen Übergriffe der US-Polizei skandierten Demonstranten zuletzt immer wieder: "Broken windows, broken lives."