Urzeit-Forschung Vorfahre aller Höheren Säugetiere rekonstruiert

Paläontologie Erste Höhere Säugetiere erst nach dem Ende der Dinos

(Video: AMNH)

Erst nachdem die Dinosaurier ausgestorben waren, konnten sich die ersten Höheren Säugetiere entwickeln, sagt ein internationales Forscherteam - und präsentiert gleich eine Vorstellung davon, wie dieser Urahn auch des Menschen ausgesehen haben dürfte.

Von Markus C. Schulte von Drach

Der Vorfahre aller Höheren Säugetiere - dazu gehört auch der Mensch - war ein etwa mäusegroßes, pelziges Wesen mit einem langen Schwanz, das sich erst kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier entwickelt hat. Das ist das Ergebnis der Studie eines internationalen Teams von Wissenschaftlern.

Bei den Höheren Säugetieren oder Plazentatieren handelt es sich um eine Unterklasse der Säuger, die von den Beuteltieren und den eierlegenden Kloakentieren unterschieden werden.

Zwar wissen die Paläontologen, dass Säugetiere bereits zur Zeit der Dinosaurier existierten, allerdings gab es nur wenige Arten mit geringer Körpergröße. Möglicherweise ist die Unterklasse der Plazentatiere sogar schon 100 Millionen Jahre alt. Entsprechende Fossilien wurden zwar bislang nicht entdeckt, aber Genanalysen wurden entsprechend interpretiert. Die neue Studie widerspricht dieser Annahme jedoch.

Das Team um Maureen O'Leary von der Stony Brook University in New York, an dem weitere US-Forscher sowie Fachleute aus Kanada, Brasilien, Argentinien und China beteiligt waren, hat den Stammbaum der Höheren Säugetiere rekonstruiert. Dazu untersuchten sie mehr als 4500 Eigenschaften, die für insgesamt 86 ausgestorbenen und noch lebenden Arten beschrieben wurden.

Etwa so groß wie eine Spitzmaus war Ukhaatherium nessovi, ein Säugetier der Kreidezeit, dessen Fossilien 1994 in der Wüste Gobi entdeckt wurde. Es handelt sich wohl nicht um ein Höheres Säugetier mit einer Plazenta. Der erste Vertreter der Höheren Säugetiere sah diesem Tier jedoch vermutlich sehr ähnlich.

(Foto: AMNH/ S. Goldberg, M. Novacek)

Sie verglichen Merkmale der Anatomie, etwa Körpergröße und das Gebiss, und der Physiologie und nutzten dafür auch auf mehr als 12.000 Bilder aus dem Internet. Außerdem verglichen sie bestimmte Gensequenzen. In Bezug auf die 40 ausgestorbenen Arten konnten sie natürlich nur auf versteinerte Knochen zurückgreifen.

Wie die Forscher im Fachmagazin Science berichten, deuten ihre Ergebnisse darauf hin, dass sich der Vorfahre aller Höheren Säugetiere innerhalb einiger hunderttausend Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier entwickelt hat. Die ersten Mitglieder der modernen Ordnungen der Plazentatiere tauchten dann zwei bis drei Millionen Jahre später auf.

Ihnen zufolge dürfte das pelzige Tier eine Größe zwischen einer Spitzmaus und einer kleinen Ratte gehabt haben, besaß einen langen Schwanz, kletterte wahrscheinlich in Bäumen und ernährte sich von Insekten. Äußerlich dürfte es demnach etwa dem Ukhaatherium nessovi geähnelt haben, einem Säuger der späten Kreidezeit, in der noch die Dinosaurier die Erde beherrschten. Die Wissenschaftler gehen sogar so weit zu vermuten, dass die kleinen Säuger schon über ein relativ komplexes Gehirn verfügten und nur jeweils ein Junges zur Welt brachten.

Nachdem die Dinosaurier verschwunden waren, konnten die Säugetiere die zuvor von den Reptilien besetzten "ökologischen Nischen" besetzen. Das führte dazu, dass innerhalb der relativ kurzen Zeit von 200.000 Jahren etliche neue, an verschiedene Umweltbedingungen angepasste Säugerarten entstanden. Heute existieren den Forschern zufolge etwa 5100 verschiedene Arten von Höheren Säugern, "von der Schweinsnasenfledermaus (1,5 Gramm) bis zum Blauwal (190.000 Kilogramm)".

"Den Stammbaum des Lebens zu erforschen, ist, als würde man einen Tatort untersuchen", sagt O'Leary. "Es geht um ein Ereignis, das in der Vergangenheit geschehen ist und das man nicht wiederholen kann. Wie bei einem Verbrechen bieten die neuen Werkzeuge der DNA-Analyse wichtige Informationen, aber man braucht auch physische Hinweise wie einen Körper, oder auf dem Gebiet der Wissenschaft Fossilien und Anatomie. Die Kombination aller Beweise führt zur besten Rekonstruktion des vergangenen Geschehens."