Unfallforschung Der ganz reale Crashtest

Zwischen Blut und Verletzten suchen Dresdner Unfallforscher Erkenntnisse, die Dummys nicht liefern können.

Von Martin U. Müller

Soeben braust ein Büroklammerspender gegen einen Bleistiftspitzer. Das nennt Tobias Gärtner Unfallrekonstruktion. Menschenleben soll es retten, wenn der Ingenieur Unfälle nachstellt wie den von diesem Kleinlaster, der in einen Golf raste. Schreibtischutensilien gebraucht Gärtner dabei nur selten, üblicherweise trägt er die Bremsverläufe in Tabellen ein und verstellt auf dem Computermonitor Winkel per Mausklick so lange, bis die Autos genauso stehen wie auf der Straße direkt nach dem Crash.

Am Bildschirm klickt er sich durch zahllose Fotos mit zerbeulten Autos, blutigen Airbags und manchmal auch mit Toten - wie andere Leute mal eben Urlaubsbilder zeigen. 422337 Personen wurden im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen in Deutschland verletzt, 5091 getötet. Die Zahlen sind rückläufig, denn Autos werden immer sicherer und die Forschung der Automobilkonzerne besser.

Doch ein Crashtest-Dummy hat keine Knochen, keine Nervenfasern und keine Schlagadern. Sensoren am Eisengerippe der Puppen messen Belastungen. Das sei im besten Fall aber nur eine Annäherung an die Realität, meint Gärtner und ergänzt wie auswendig gelernt: "Crash-Tests sind teuer, Unfälle passieren einfach so."

Egal ob ein Unfall an der Kreuzung, auf der Überholspur oder in der Spielstraße: Die ganz alltäglichen Kollisionen fernab von Teststrecken und Crash-Simulationen sind die Forschungsobjekte der Unfallrekonstrukteure der TU Dresden. Sobald ein Verkehrsunfall mit Personenschaden gemeldet wird, rücken Teams mit Blaulicht aus, zerstückeln das Geschehen in bis zu 3000 Einzelvariablen und fotografieren jedes Detail am Unfallort. Ihre Daten werden später Tobias Gärtner und seine Kollegen analysieren; sie sollen helfen, Menschenleben im Straßenverkehr zu schützen.

Donnerstag, kurz vor zwölf Uhr, auf einem Parkplatz der Universität. Maria Erbrecht trägt eine rote Hose, ein weißes T-Shirt und eine Weste mit gelben Reflektorstreifen. Sie studiert Medizin im 6.Semester und ist heute Dienst habende Medizinerin, wie es im UFO-Deutsch heißt. UFO steht für Unfallforschung. Dazu braucht Erbrecht Maßbänder, Windrichtungsmesser, Winkelmesser und - ganz wichtig: Schokoriegel. Die verstaut sie gerade, sortiert nach Geschmacksrichtungen, im Handschuhfach.

In der Einsatzzentrale sitzt der "Ko", das ist Koordinator Michael Ackermann, vor ihm drei Funkgeräte, aus denen Polizeikanäle sächseln. Das Telefon klingelt, nun sächselt auch Ackermann und notiert den "Landesstraßenkilometer". Die beiden Maschinenbaustudenten Robert Richter und Martin Petzold schnappen sich ihre Laptops, und zusammen mit Maria Erbrecht laufen sie in olympischem Gehertempo zum Parkplatz.

Crashtest einst und heute

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