Gift-Unglück in Colorado Gelb und gefährlich

Video zeigt komplettes Ausmaß der Katastrophe

Millionen Liter Giftstoffe haben Umweltschützer versehentlich in den Animas-River in Colorado geleitet. mehr...

Millionen Liter Giftstoffe haben Beamte versehentlich in den Animas-River in Colorado geleitet. Von Tausenden verlassenen Bergwerken in den USA drohen ähnliche Gefahren.

Von Jürgen Schmieder

Zugegeben, es war ein faszinierendes Bild, das sich den Besuchern des Flusses Animas im US-Bundesstaat Colorado in der vergangenen Woche bot: Das Wasser sah aus, als hätte jemand einen Jahresvorrat an Senf hineingepumpt. Doch was im Nebenfluss des Colorado River passierte, wirkte nicht nur faszinierend, sondern war vor allem gefährlich. Mitarbeiter der Umweltschutzbehörde EPA hatten bei einer Untersuchung der seit 1923 geschlossenen Gold King Mine versehentlich knapp zwölf Millionen Liter giftiges Abwasser in den Fluss geleitet.

Im Animas schwamm also nicht Senf, sondern Arsen, Blei und Aluminium. Mitarbeiter der EPA haben mittlerweile Entwarnung gegeben. Nach Tests haben sie den Notstand in Colorado und New Mexiko aufgehoben und erklärt, der Fluss werde sich erholen. Die Trinkwasserspeicher für Las Vegas und Los Angeles seien nicht gefährdet. Der Gouverneur von Colorado, John Hickenlooper, trank gar einen Schluck Wasser aus dem Animas, um die Bewohner zu beruhigen.

Das hat allerdings nicht alle Gemüter beruhigt. Schließlich hatte Hickenlooper bereits vor zwei Jahren eine Flüssigkeit getrunken. Damals wollte er beweisen, dass Fracking ungefährlich sei. "Das ist, als würde er sich 15 Zigaretten in den Mund stecken, sie anzünden und dann verkünden, wie toll das Rauchen für einen Menschen sei", klagte Ryan Flynn, Umweltminister des Bundesstaates New Mexico. "Das ist rücksichtslos und unverantwortlich."

Alte Minen in den USA könnten das Trinkwasser fortwährend verschmutzen, befürchten Umweltschützer

(Foto: AFP)

Umweltschützer sehen den Unfall in der Gold King Mine in einem anderen, viel größeren Zusammenhang. Die zahlreichen verlassenen Minen im Westen der Vereinigten Staaten gefährden ihrer Ansicht nach dauerhaft das Trinkwasser. "Etwa 40 Prozent der Flüsse, über die Trinkwasserspeicher im Westen der USA befüllt werden, sind durch den Bergbau verseucht", sagt Lauren Pagel. Sie ist die Direktorin der Umweltorganisation Earthworks, die kürzlich eine Studie veröffentlicht hat, derzufolge es in den Vereinigten Staaten mehr als eine halbe Million verlassene und damit potenziell gefährliche Minen gibt: "Die Gefahr besteht nicht nur durch Katastrophen wie der von vergangener Woche, sondern auch durch die fortdauernde Verschmutzung des Trinkwassers."

Ein Problem sei ein 143 Jahre altes Gesetz. Der damalige US-Präsident Ulysses S. Grant hatte es im Jahr 1872 unterzeichnet, um Glücksrittern die Suche nach wertvollen Materialien zu erleichtern und für ein wenig Ruhe im zu dieser Zeit doch sehr wilden Westen zu sorgen. Die Schürfer, damals noch mit Spitzhacke, Schaufel und Sieb unterwegs, durften graben, wo immer sie wollten. Sie mussten auch bei Funden auf staatlichem Grund keine Abgaben auf ihre Profite leisten.

"Gesetz aus längst vergangener Zeit"

Vor allem aber durften sie nach dem Schürfen einfach weiterziehen, ohne sich darum kümmern zu müssen, was aus ihrer Mine werden würde. Das Gesetz ist heute noch gültig, obwohl nicht mehr einzelne Menschen mit einer Schaufel schürfen, sondern Unternehmen mit gewaltigen Maschinen. Die Firmen müssen - anders als bei der Suche nach Kohle oder Gas - keine Abgaben leisten, mit denen das Aufräumen im Anschluss finanziert werden kann.

"Dieses Gesetz aus einer längst vergangenen Zeit hat zur Folge, dass die finanziellen Möglichkeiten fehlen, um mit diesem immensen Problem umzugehen", sagt Pagel. "An all diesen Minen klebt ein heftiger Preiszettel." Sowohl Earthworks als auch die EPA schätzen, dass es bis zu 70 Milliarden US-Dollar kosten dürfte, alle Minen zu säubern und gegen Unfälle wie den am Animas-River zu sichern. Es gibt deshalb einen Gesetzesvorschlag, der vorsieht, mittels Bergbaugebühren etwa 200 Millionen Dollar pro Jahr einzunehmen.

Das Geld könnte in die Säuberung verlassener Minen investiert werden. "Wir müssen die Ursachen der Verschmutzung durch verlassene Minen bekämpfen und dieses antiquierte Gesetz endlich modernisieren, sonst setzen wir langfristig unsere Gesundheit aufs Spiel", sagt Pagel. "Es war nicht die erste Katastrophe und wird auch sicherlich nicht die letzte sein."