Umweltfolgen Vertrauen ist beim Thema Klimawandel wichtiger als Information

Vietnam kämpft mit der schlimmsten Dürre seit 90 Jahren - derartige Extremereignisse nehmen mit dem Klimawandel zu.

(Foto: dpa)

Mit Argumenten allein lässt sich der Klimawandel nicht stoppen. Klimapsychologen setzen vermehrt darauf, Emotionen zu wecken - besonders bei Konservativen.

Von Christopher Schrader

Mitten im Interview wird der Becher in der Hand von George Marshall zum Beweisstück der Anklage: "Sehen Sie, ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht. Der Strom, den ich dafür gebraucht habe, setzt Schadstoffe in die Luft frei. Und wissen Sie was? Es ist mir egal."

Wer Marshall kennt, wird bei diesen Worten den Atem anhalten. Natürlich stellt das Heißgetränk keine ernsthafte Gefahr dar. Und der Brite ist auch keiner dieser Zeitgenossen, die breitbeinig ihr vermeintlich angeborenes Recht vertreten, die Ressourcen dieser Welt auszubeuten - denen ginge es ohnehin eher um die Tankfüllung ihres Geländewagens. George Marshall ist ein Veteran der Klimaschutzbewegung, hat bei Greenpeace gearbeitet, sich für den Regenwald engagiert und die britische Organisation Climate Outreach mitbegründet.

Marshall möchte vielmehr die eigenen Reihen provozieren. Er bekennt, dass zwar viele Klimaschützer den Kampf gegen die globale Erwärmung als moralisches Gebot betrachten, es aber im Privatleben auch nicht schaffen, ihre Handlungen an ihren Überzeugungen auszurichten. Sie sind darum keine Heuchler, sondern: Menschen. Und so sollten sie auch Zuhörer sehen, die ihre Überzeugung nicht teilen.

Menschen möchten nicht schräg angeschaut werden, weil sie am Konsens der Gruppe rütteln

"Wer an den Klimawandel glaubt, tut das meistens, weil es gut zu ihm passt. Die anderen haben auch gute Gründe für ihre Einstellung. Sie sind keine Idioten, weil sie nicht an den Klimawandel glauben", sagt der Brite. Es geht ihm darum, einen Zugang zu ihnen zu finden. Bei der Lösung für die Klimaprobleme müssen alle zusammen und aus innerer Überzeugung anpacken. Verzicht zu predigen, wird kaum jemanden überzeugen.

Diese Einsicht könnte nach Ansicht Marshalls einen Strategiewechsel einleiten. Die gravierenden Folgen des Klimawandels abzufedern, ist für Aktivisten wie ihn kein naturwissenschaftliches oder technisches Problem mehr, sondern ein soziales. "Die menschliche Reaktion auf den Klimawandel zu verstehen, ist genauso wichtig, wie den Klimawandel selbst zu verstehen", sagt der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes. "Wir alle tun so, als seien wir rational, wenn wir uns irrational benehmen." Marshall, Stoknes und andere beschwören die zweite Stufe der Klimaforschung. Statt Physik, Chemie und Ozeanografie sollen nun Gesellschaftswissenschaften und Psychologie im Mittelpunkt stehen. Diese decken eine Reihe systematischer Denkfehler und mentaler Schleichwege auf. Es sind universelle, aber weitgehend unbewusste Mechanismen. Der menschliche Geist ist demnach auf kaum eine Gefahr so schlecht vorbereitet wie auf den Klimawandel; er findet lauter Ausflüchte, nicht darauf zu reagieren.

Was Forscher über den Klimawandel wirklich wissen

Wie ist der Stand der Wissenschaft zu den wichtigsten Fragen? Von Christoph Behrens und Markus C. Schulte von Drach mehr ... Überblick

Ein typisches Problem sei zum Beispiel diese verbreitete Haltung: Was soll ich mich einschränken, wenn es die anderen nicht tun? Das bringt Nachteile für mich, aber keine messbaren Vorteile für die Umwelt. Doch diese Überlegung verkennt, dass Menschen in anderen Lebensbereichen solche Nachteile in Kauf nehmen. Sie gewähren einander im Verkehr den Vortritt oder weisen eine Kassiererin darauf hin, dass sie zu viel Wechselgeld herausgegeben hat. Ihnen ist es genug, wenn sie so ein besseres Gewissen haben oder sogar als Vorbild wirken können.

Dahinter steht die Erkenntnis von Psychologen, dass Menschen ihr Verhalten und ihre Meinungen stark an ihrer sozialen Gruppe ausrichten, meist ohne es zu bemerken. Sie möchten nicht plötzlich von ihren Freunden schräg angeschaut werden, weil sie am Konsens der Gruppe rütteln. Und das erklärt auch, wieso Wissenschaftler und Umweltschützer häufig ihre Botschaft nicht anbringen können. Sie argumentieren mit Daten und Messungen, aber ihre Warnungen prallen am Publikum ab - woraufhin sie noch mehr Fakten vorlegen.