Überbevölkerung Wir werden viel zu viele

Mega-City Tokio

(Foto: dpa-tmn)

Die Menschheit verbraucht so viele Ressourcen, dass eineinhalb Erden nötig wären. Und sie wächst. Einige Experten empfehlen deshalb, weniger Kinder zu bekommen. Gute Idee.

Essay von Markus C. Schulte von Drach

Bei diesem Vorschlag war Aufregung programmiert: Im Bericht für 2016 an den Club of Rome empfahlen die Wissenschaftler Graeme Maxton und Jørgen Randers, Frauen im Westen zu belohnen, die nur ein oder gar kein Kind bekommen. Umgehend wurde ihnen in den Medien unterstellt, sie wollten die Menschheit abschaffen.

Offenbar teilen viele die Sorgen der beiden Wissenschaftler nicht, dass die wachsende Erdbevölkerung eine Bedrohung für die Umwelt, das Klima, die Wirtschaft und das Wohlergehen der Menschheit überhaupt darstellt. Die Erde, so heißt es etwa, könne auch zehn Milliarden Menschen ausreichend ernähren und versorgen. Alles nur eine Frage der gerechten Verteilung der Ressourcen und der Technik.

So einfach ist es nicht. Der Vorschlag von Randers, ehemals Vize-Generaldirektor des WWF International, und Maxton, Generalsekretär des Club of Rome, hat seine Berechtigung.

Elf Milliarden Menschen bis 2100

Seit der Neuzeit ist die Zahl der Menschen immer schneller angewachsen. Hätte sich diese Entwicklung bis in die Gegenwart fortgesetzt, würden heute etwa 16 Milliarden Menschen auf der Erde leben. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Geschwindigkeit zwar nachgelassen, tatsächlich leben aber derzeit 7,47 Milliarden Menschen auf unserem Planeten, wie jüngst die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) gemeldet hat.

Eine Einschätzung der Vereinten Nationen aus dem vergangenen Jahr geht davon aus, dass sich das Bevölkerungswachstum weiter abschwächen wird: Für 2100 rechnen die UN-Experten mit einer Weltbevölkerung von 11,2 Milliarden, im Extremfall könnten es 16 Milliarden werden. Dann, so die Prognose, wird die Zahl wieder zurückgehen. Denn immer mehr Frauen weltweit bekommen im Schnitt weniger als 2,1 Kinder - jene Zahl, die notwendig ist, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.

Der Hunger nimmt ab, aber die Ansprüche steigen

Manche Experten sehen in solchen Zahlen Anlass für Optimismus, sie gehen davon aus, dass sich die Menschheit in Zukunft ausreichend versorgen lässt. Einiges scheint dafür zu sprechen: Die Intensivierung der Landwirtschaft verhinderte schon im 20. Jahrhundert, dass das Bevölkerungswachstum zu globalen Hungersnöten führte.

Die weltweite landwirtschaftliche Produktion hat sich seit 1970 mehr als verdoppelt. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind gesunken. Die Statistik zu den Millenniums-Zielen der Vereinten Nationen zeigt, dass der Anteil der Unterernährten in den Entwicklungsländern von 23 Prozent (1990/92) auf 13 Prozent (2014/16) gefallen ist.

Der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) zufolge sind zwar noch immer fast 800 Millionen Menschen unterernährt, noch mehr leiden unter Mangelernährung - aber das hängt auch mit dem Schicksal der produzierten Nahrung zusammen: Ein großer Teil wird nicht konsumiert, um den Hunger zu stillen, sondern in die ungesunden Fettreserven etwa einer Milliarde Menschen investiert, verliert als Tierfutter einen großen Teil des Nährwerts oder wird als Biosprit verbrannt. Riesige Mengen verderben auch schlicht und einfach oder werden weggeworfen. Einer Schätzung der FAO zufolge betrifft das etwa ein Drittel der Nahrungsmittel.

Ließe sich dies alles vermeiden und würden die Nahrungsmittel weltweit gerecht verteilt, könnte wohl sogar eine Weltbevölkerung von zehn Milliarden tatsächlich mit dem ausreichend versorgt werden, was gegenwärtig produziert wird, heißt es etwa beim Institute of Food and Development Policy (Food First) in Oakland, USA. Theoretisch.

"Der Planet wird nie mehr derselbe sein"

Praktisch aber rechnen die Experten der FAO und andere Wissenschaftler damit, dass die landwirtschaftliche Produktion angesichts der immer höheren Ansprüche der wachsenden Menschheit (etwa in Form des weltweit zunehmenden Fleischkonsums) bis 2050 um 50 bis 60 Prozent der Produktion von 2007 erhöht werden muss. Vielleicht lässt sich dies mithilfe von verbesserten Ernte-, Transport- und Speichermethoden sowie einer besseren Infrastruktur insbesondere in den Entwicklungsländern tatsächlich erreichen. Helfen könnte womöglich auch gentechnisch optimiertes Saatgut, aus dem selbst unter schlechten Bedingungen energiehaltigere Pflanzen wachsen.

Manche Wissenschaftler sind sogar überzeugt davon, dass selbst die wachsende Bevölkerung nicht mehr Land für die Nahrungsmittelproduktion benötigen wird als bisher. "Zunehmende Produktivität durch die existierende Technologie kann die weltweite Versorgung antreiben und sogar wieder mehr Land der Natur überlassen", zeigt sich etwa Erle C. Ellis überzeugt. Wie der Professor für Geografie und Umweltsysteme an der University of Maryland, Baltimore County, 2013 in der New York Times schrieb, habe der Mensch bereits vor zweithunderttausend Jahren begonnen, das Ökosystem der Erde zu verändern. Und das könnte und würde er weiterhin tun: "Der Planet wird nie mehr derselbe sein."