Treibhaus-Effekt Die Antarktis schmilzt immer schneller

Adelie-Pinguine auf einer Eisscholle in der westlichen Antarktis.

(Foto: dpa)
  • Zwischen den Jahren 1992 und 2011 lag die Einbuße im Mittel bei 76 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, zwischen 2012 und 2017 betrug der jährliche Verlust 219 Milliarden Tonnen.
  • Diese Zahlen stammen aus der bislang größten Bilanzrechnung für den Südkontinent.
  • Allein das seit 1992 geschmolzene Antarktiseis hat den Meeresspiegel um 7,6 Millimeter steigen lassen.
Von Christopher Schrader

Die Antarktis hat in den vergangenen 25 Jahren etwa drei Billionen Tonnen Eis verloren. Die jährliche Rate des Rückgangs ist dabei zuletzt stark gestiegen. Lag die Einbuße in den zwanzig Jahren von 1992 bis 2011 im Mittel bei 76 Milliarden Tonnen pro Jahr, so betrug der jährliche Verlust zwischen 2012 und 2017 je 219 Milliarden Tonnen Eis. Die Wassermenge entspricht dem 48-Fachen des jährlichen Wasserverbrauchs in Deutschland.

Diese Zahlen stammen aus der bislang größten Bilanzrechnung für den Südkontinent, an diesem Donnerstag im Fachblatt Nature veröffentlicht. 84 Forscher von 42 Instituten haben darin Datensätze von 13 Satellitenmissionen zusammengefasst. Geleitet wird das IMBIE-Projekt (für Ice Sheet Mass Balance Inter-Comparison Exercise) von Nasa-Forscher Erik Ivins sowie Andrew Shepherd von der University of Leeds in England. Aus Deutschland waren unter anderem das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und die Technische Universität München beteiligt.

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Die neuen Daten zeigen, dass geschmolzenes Antarktiseis den Meeresspiegel seit 1992 um 7,6 Millimeter gehoben hat. Das entspricht ungefähr einem Zehntel des gesamten Anstiegs in diesem Zeitraum. Das meiste wird durch die Ausdehnung des wärmer werdenden Ozeanwassers verursacht. Allerdings ist der Beitrag des Schmelzwassers vom Südkontinent jüngst gewachsen. "Es lässt den Meeresspiegel schneller anschwellen als jemals zuvor in den vergangenen 25 Jahren", sagt Andrew Shepherd. "Das muss den Regierungen Sorge machen, denen wir den Schutz unserer Küstenstädte anvertrauen."

Eine wichtige Rolle bei der Bilanz spielte die deutsch-amerikanische Satellitenmission Grace. Die beiden Späher hatten 15 Jahre lang das Schwerefeld der Erde vermessen. "Die Daten dieser Raumschiffe haben uns nicht nur gezeigt, dass es da ein Problem gibt, sondern dass es mit jedem Jahr ernster wird", sagt Isabella Velicogna von der University of California in Irvine. Weitere Daten kamen von Satelliten, die das Eisschild per Radar aus dem Orbit überwachen, darunter der europäische Cryosat-2.

Sinkt der Salzgehalt des Polarmeeres, verändern sich die globalen Meeresströmungen

Am größten waren die Eisverluste in der Westantarktis und auf der antarktischen Halbinsel. Der weitaus größere Osten scheint hingegen noch leicht zu wachsen, was aber unter Wissenschaftlern umstritten ist. In jedem Fall wäre die Zunahme dort nicht annähernd genug, um die Verluste der Westantarktis auszugleichen.

Aus Sicht der Forscher steht die Antarktis an einem Scheideweg. Nature veröffentlicht mit der Analyse des IMBIE-Teams eine Szenariostudie, die - sehr ungewöhnlich für ein wissenschaftliches Journal - zwei fiktive Geschichten erzählt. Sie blicken zurück aus dem Jahr 2070. In der einen Version erfüllt die Welt ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen, in der anderen ist der internationale Klimaschutz gescheitert. Für letzteren Fall erwarten die Wissenschafter eine Überfischung des Polarmeeres, den Beginn von Bergbau und eine dramatische Zunahme von Tourismus am Südpol. Invasive Pflanzen breiten sich aus, Pinguinkolonien schrumpfen, Albatrosse müssen ihre Nahrung umstellen.

Weil sich das Wasser drastisch erwärmt und der Salzgehalt durch das abschmelzende Eis sinkt, verändert sich die zirkumpolare Meeresströmung; das hat Folgen für das Wetter der gesamten Südhalbkugel. Die Antarktis trägt dann nicht wie bisher sieben Millimeter, sondern 27 Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg bei. "Wir können solche Effekte vermeiden, wenn Regierungen erkennen, dass Schäden in der Antarktis überall Probleme auslösen", sagt Martin Siegert vom Imperial College in London.

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