Tiere in der Stadt Wer mitessen will, muss Stress ertragen

Wilde Tiere in der Stadt lassen den Städter nicht gleichgültig: Rehe auf einem Feld am Rande des Ortsteils Nieder-Erlenbach, Frankfurt am Main.

(Foto: dpa)

Wilde Tiere in den Straßen entzücken die Städter. Vielleicht ist der Garten Eden doch nicht unwiederbringlich verloren? In dieser Stimmung gedeihen urbane Legenden mehr als Naturverständnis. In seinem neuen Buch öffnet der Biologe und Schriftsteller Bernhard Kegel den Städtern die Augen.

Von Burkhard Müller

Überall auf der Welt schrumpft die Wildbahn, sterben Tier- und Pflanzenarten aus, gehen Biotope zugrunde. Jeder weiß, dass niemand daran schuld ist als der Mensch. Die Bürde dieser Schuld drückt ihn schwer, und er würde gern (so weit dies ohne erhebliche Eingriffe in seine Bequemlichkeit möglich ist) Wiedergutmachung leisten, ja mehr als das: Sühne. Er weiß, dass seine verhätschelten Haustiere, die er ganz auf seine Seite gezogen hat, dies nicht leisten können; es müsste schon die ungezähmte Natur selbst sein, die ihm entgegenkommt.

Darum bedeutet es mehr als bloß die Meldung in der Abteilung "Vermischtes", wenn mitgeteilt wird, es sei diese oder jene scheue und seltene Spezies in der Großstadt aufgetaucht, der Hochburg der naturvergessenen Menschheit, und habe sich eine Nische darin zur neuen Heimat gemacht. Immer klingt es so, als wäre der Garten Eden vielleicht doch nicht unwiederbringlich verloren, und es könnten Lamm und Löwe es doch friedlich nebeneinander aushalten, räuberischer Mensch und schuldlose Kreatur.

Wilde Tiere in der Stadt lassen den Städter nicht gleichgültig; es entzückt ihn, die Eichhörnchen durchs Gezweig des Stadtparks turnen zu sehen, die, ohne einen Cent Sozialhilfe zu beziehen, eine Existenz in franziskanischer Armut und Munterkeit zu führen scheinen. Die Fledermäuse in der Dämmerung verkünden ihm, dass es in seiner Stadt noch ungenutzten Dachraum geben muss, der abhanden zu kommen pflegt, wo die Mieten höher steigen als die Abendsegler. Und ein wenig schaudert ihn auch, wenn er nachts auf einen vorbeischnürenden Fuchs trifft, denn es deutet sich in dieser Begegnung eine Wildnis an, die nie völlig ungefährlich ist.

"Tiere in der Stadt" nennt der Chemiker, Biologe und Jazzgitarrist Bernhard Kegel sein Buch, und im Untertitel "Eine Naturgeschichte". Schon vor einem Jahrzehnt hatte es ein ähnliches Buch von Cord Riechelmann gegeben, das etwas dramatischer "Wilde Tiere in der Großstadt" geheißen hatte. Das Thema scheint unerschöpflich; in diesem stark affektiv besetzten und chronisch unterbelichteten Bereich, in dem die "urban legends" ins Kraut schießen, tut immer Aufklärung not.

Der Menschenfloh ist ernsthaft bedroht

Zunächst einmal lenkt er den Blick darauf, dass es schon immer viele Tiere gab, die die Nähe des Menschen gesucht haben, einfach deshalb, weil er ihnen mit seinem Müll, seinen Vorräten, Holz, Stroh, Blut und Hautschuppen reichlich Nahrung gab. Zwischen 8000 und 90.000 Milben, so erfährt der Leser, beherbergt das durchschnittliche Bett eines Mitteleuropäers, 1000 Milben einer anderen Art sein Gesicht, besonders an Nasenrücken und Augenlidern.

Aber diese synanthrope Fauna setzte sich in jeder historischen Epoche anders zusammen. Kaum einer wird dem Menschenfloh eine Träne nachweinen; doch immerhin zur Kenntnis nehmen darf man, dass er in Europa heute zu den ernsthaft bedrohten Spezies gehört. Dafür gedeihen die Katzenflöhe. Mäuse gab es schon immer, nicht hingegen Katzen; früher hielt man stattdessen, um die Nager zu bekämpfen, Wiesel und Ringelnattern in den Häusern. Gleich versteht man die Märchen besser, in denen geheimnisvoll menschennahe Schlangen ihre Rolle spielen.