Synthetische Biologie Grenzen für die Wissenschaft

Chromosomen vom Reißbrett, Designer-Algen für die Energiegewinnung: Die Durchbrüche der Synthetischen Biologie zeigen, dass gute Wissenschaft auch Grenzen braucht.

Ein Kommentar von Christina Berndt

Wissenschaft macht Hoffnung, und sie macht Angst. Beides zu Recht. Schließlich sind es Forscher gewesen, denen die Ausrottung der Pocken zu verdanken war. Und zugleich ist es das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit, dass wir uns heute neue Sorgen wegen Kernkraft und Atombomben machen müssen. Es ist daher verständlich, dass Menschen kritisch beäugen, was in den Laboratorien dieser Welt geschieht. Derzeit blicken manche beklommen nach Baltimore, wo das noch junge Forschungsfeld der Synthetischen Biologie gerade einen beachtlichen Erfolg erzielt hat. Erstmals ist es dort gelungen, ein Chromosom eines komplexen Organismus künstlich herzustellen, eine Erbguteinheit also, die erheblich größer ist als ein Gen. Zwar haben die Forscher mit ihrem Hefe-Chromosom noch kein "künstliches Leben" erschaffen. Aber ihnen ist ein weiterer Schritt hin zu diesem Ziel gelungen. Nur 16 Chromosomen hat die Hefe, 46 der Mensch.

Nun sprechen die Wissenschaftler aus Baltimore nicht von Schöpfung, sie weisen vor allem auf die unbestrittenen Chancen ihrer Forschung hin. Mit Hilfe synthetischer Zellen wollen sie Medikamente herstellen, deren Produktion derzeit schwierig ist. In der Tat gelten Arzneien aus lebendigen Organismen, die "Biologicals", als Medikamente der Zukunft. Etwa beim Krebs haben sie schon so manche Therapie revolutioniert.

Leben am Reißbrett

Doch trotz aller Zurückhaltung ist nicht zu verkennen: Die Synthetische Biologie rüttelt erneut am Selbstverständnis des Menschen. Es werden besonders große Fragen berührt - auch die danach, was Leben eigentlich ist und was verantwortungsvoller Umgang damit verlangt. Der Mensch hat sich bereits damit abgefunden, dass Biologen in Gene eingreifen, dass sie Stammzellen manipulieren und dass es ihnen gelingt, aus Hautzellen Zell-Klone eines Individuums herzustellen. Nun schicken sie sich an, noch einen Schritt weiter zu gehen.

In der Synthetischen Biologie stellen Forscher lebendige Strukturen nach einem rein gedanklich ersonnenen Bauplan her. Dabei sind die gestalterischen Möglichkeiten schier unbegrenzt. Leben kann erstmals auch aus völlig Unbelebtem entstehen.

Dem Menschen könnte also endgültig die Wandlung vom Homo faber zum Homo creator gelingen. Das ist an sich nicht verwerflich und sogar ungeheuer nützlich - auch außerhalb der Medizin: Künstliche Bakterien könnten Umweltgifte abbauen, Designer-Algen als alternative Energiequelle dienen. Doch zugleich sind schreckliche Auswirkungen möglich, wenn nach Gutdünken mit dem Erbgut von Lebewesen gespielt wird.

Wissenschaft braucht Grenzen

"Bio-Error" und "Bio-Terror" sind neben der Frage nach der Manipulierbarkeit des Menschen die drängendsten Sorgen: Was, wenn die erschaffenen Organismen andere Eigenschaften haben als gedacht? Was, wenn sie in die Umwelt gelangen und dort überleben? Und was, wenn sich Terroristen ihrer bemächtigen und die Menschheit mit neuen Krankheiten bedrohen?

Wissenschaft kann Großartiges und Furchtbares. Deshalb muss die Gesellschaft ihr Grenzen setzen. Im Fall der noch so jungen Synthetischen Biologie besteht nun eine besondere Chance: Reflexion und Folgenabschätzung sind von Anfang an möglich. Dabei darf es nicht geschehen, dass allwissende Experten eine vermeintlich naive Bevölkerung aufklären. Es muss zu einem offenen Diskurs auf Augenhöhe kommen. Ein jeder, der Forschungsgelder in die Synthetische Biologie steckt, sollte daher auch Mittel zur Verfügung stellen müssen, die diesen Diskurs befördern.