Sozialverhalten von Bonobos Zwergschimpansen teilen sogar mit Fremden

Ein Bonobo-Baby. Zwergschimpansen teilen ihre Nahrung - auch mit ihnen völlig unbekannten Artgenossen.

(Foto: J.Tan)

Geben, so heißt es, ist seliger denn nehmen. Mag sein, dass solche Gedanken den Menschen vorbehalten sind. Doch auch Zwergschimpansen teilen ihr Futter - und zwar eher mit unbekannten Artgenossen als mit Mitgliedern ihrer Gruppe.

Von Markus C. Schulte von Drach

Manchmal teilen Zwergschimpansen (Bonobos) ihr Futter mit völlig Fremden, während sie Mitglieder ihrer Gruppe leer ausgehen lassen. Was wie ein Akt reiner Selbstlosigkeit aussieht, hat jedoch vermutlich auch Vorteile für die Helfer selbst. Das berichten Jingzhi Tan und Brian Hare von der Duke University in Durham, USA, im Fachblatt Plos One.

Bislang nahmen die meisten Wissenschaftlern an, dass es eine einzigartige Eigenschaft des Menschen sei, mit Fremden zu teilen. Viele Wissenschaftler hätten vermutet, dieses "rätselhafte Phänomen" könnte mit der menschlichen Sprache, der Entwicklung sozialer Normen, sogar mit der Kriegsführung oder der gemeinsamen Aufzucht des Nachwuchses zusammenhängen, schreiben die beiden US-Forscher. Anhänger verschiedener Religionen dagegen führen selbstlos erscheinendes Verhalten häufig auf eine religiös begründete Moral zurück.

Ihre Daten, so stellen die US-Forscher fest, deuteten darauf hin, dass dieses Verhalten im Prinzip eben nicht nur bei Menschen zu beobachten ist. Die diskutierten Faktoren seien demnach keine Voraussetzung für die Evolution fremdenfreundlichen Verhaltens. Vielmehr könnte sich "uneigennütziges Verhalten gegenüber Fremden ursprünglich aus der Selektion auf soziale Toleranz entwickelt haben". Diese "erlaube den Tieren möglicherweise, ihre sozialen Netzwerke über Interaktionen mit Fremden auszuweiten", schlagen die Forscher als Erklärung vor.

Immerhin halten sie uns Menschen insofern für "wahrscheinlich einzigartig", dass wir "unsere menschenaffenähnliche Uneigennützigkeit bis hin zu extremer Bevorzugung anderer ausweiten können". Und dies hänge möglicherweise mit der menschlichen Sprache und den sozialen Normen zusammen.

Tan und Hare hatten insgesamt 70 Versuche mit 14 Bonobos unternommen. In einem ersten Experiment konnte ein Zwergschimpanse einen Raum mit begehrtem Futter betreten und entscheiden, ob er einem oder zwei Artgenossen den Zugang ebenfalls ermöglicht.

In den meisten Fällen ließ der erste Bonobo nach einer Weile tatsächlich einen fremden Zwergschimpansen hinein. Die Tiere nahmen Kontakt auf und verzehrten die Nahrung gemeinsam - obwohl die Menge auch für einen Zwergschimpansen allein gut zu bewältigen gewesen wäre. Vertraute Gruppenmitglieder mussten dagegen eher draußen bleiben.

Allerdings öffnete ausgerechnet der fremde Artgenosse gelegentlich dem noch ausgeschlossenen Bonobo die Tür, so dass er sich mit zwei Mitgliedern der ihm unbekannten Gruppe das Futter teilen musste.

Sogar wenn Zwergschimpansen in der Lage waren, Fremden oder Gruppenmitgliedern den Zugang zu Futter zu ermöglich, das sie selbst nicht erreichen konnten, taten sie dies hin und wieder. Und zwar obwohl sie von einem neuen Spielzeug abgelenkt waren. Offensichtlich sind Bonobos also manchmal einfach nur so nett zueinander.

Kein Teilen ohne soziale Kontakte

Doch in einem weiteren Experiment konnten die Forscher zeigen, dass es den Tieren um etwas anderes geht als nur um Großzügigkeit: Diesmal gab es Futter in ihrer Reichweite, zu dem sie einem Artgenossen den Zugang hätten verschaffen können. Allerdings war ein direkter, sozialer Kontakt mit dem anderen Bonobo diesmal nicht möglich. Und nun fraßen die Zwergschimpansen allein. Weder fremden Tieren noch Gruppenmitgliedern wurde die Tür geöffnet, die zu der Mahlzeit geführt hätte.

"Unsere Ergebnisse deuten auf die Möglichkeit hin, dass Bonobos eine einzigartige uneigennützige Bevorzugung von Fremden gegenüber Gruppenmitgliedern zeigen, während Menschen zwar mit Fremden teilen, diese gegenüber Angehörigen der eigenen Gruppe aber nicht bevorzugen", schreiben die Wissenschaftler.