Sozialverhalten "Fairness ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit"

Der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello hat die Kooperation bei Menschen und anderen Primaten studiert. Er hat einiges zu sagen über den Zusammenhalt in Zeiten der Finanzkrise und des Klimawandels.

Interview: Werner Siefert

Als Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat der Entwicklungspsychologe Michael Tomasello bahnbrechende Studien zur Kooperation bei Menschen und Primaten sowie zur Entstehung der Sprache veröffentlicht. An diesem Freitag wird ihm der mit 1,2 Millionen Schweizer Franken dotierte Klaus J. Jacobs Forschungspreis verliehen.

SZ: Herr Tomasello, Experten streiten sich derzeit, welche Krise nun eigentlich herrscht: eine Banken-, eine Finanz- oder eine Euro-Krise? Die Klimakrise vergessen sie darüber. Erleben wir eine Krise der Kooperation, in welcher der Egoismus triumphiert?

Michael Tomasello: Das kann sein. Unsere Bereitschaft zu helfen, stellt nur den einen Teil unseres Wesens dar. In gleicher Weise achten wir auf unseren Vorteil. Und unterschiedliche Lebensumstände kehren unterschiedliche Aspekte dieses Janus-Charakters hervor. Hat jemand Hunger, wird er mit Nahrung weniger großzügig sein, ganz einfach. Es gibt Bedingungen, die jeweils kooperatives oder egoistisches Verhalten entstehen lassen. Wir sollten darauf achten, Bedingungen zu schaffen, die Kooperation ermöglichen.

SZ: Welche wären das?

Tomasello: Die erste lautet: Menschen sind hilfsbereiter, wenn Nutzen wie Lasten, Rechte wie Pflichten fair verteilt werden. Fairness ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit. Die zweite ist: Die biologischen Wurzeln der Kooperation liegen in der Gruppe - und das hat Folgen. Wenn man sich heutige Jäger-Sammler anschaut, fällt auf, dass sie alle sehr egalitär sind. Die Mitglieder teilen erwirtschaftete Nahrung, privater Besitz dagegen zählt kaum etwas.

Aber seit der Erfindung der Landwirtschaft vor gut 10.000 Jahren haben wir begonnen, in riesigen Städten mit vielen Menschen, Sprachen, Religionen und Kulturen zu leben. Diese Umgebung stellt diese kooperative Grundeinstellung auf die Probe. Je weiter man sich von seiner Kerngruppe wie etwa der Familie entfernt, umso schwieriger wird es, das Miteinander aufrechtzuerhalten.

SZ: Sind deshalb politische Projekte wie das vereinte Europa vom Scheitern bedroht?

Tomasello: Kooperation über große Räume wird es nur geben, wenn Menschen das Gefühl haben, zu einer großen Gruppe zu gehören. Der entscheidende Kontext, dem die menschliche Kooperation entspringt, war die gemeinschaftliche Jagd. Menschen arbeiteten auf ein Ziel hin, um ein Tier zu erbeuten. Wenn zwei einander brauchen, um eine Beute zu erlegen, dann steht es in meinem Interesse, dem anderen zu helfen.

Wenn Menschen voneinander abhängig sind, kümmern sie sich umeinander, weil sie sich brauchen. Politiker müssen die wechselseitigen Abhängigkeiten der Nationen untereinander verstärken und hervorkehren. Wenn Deutschland und andere vom Wohl und Wehe Italiens abhängen, dann ist die Bereitschaft größer, helfend einzuschreiten.