Sozialpsychologie Arme Menschen sind oft hilfsbereiter als reiche

Wohlstand geht oft nicht mit Hilfsbereitschaft einher.

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  • Hilfsbereitschaft und Empathie sind gute Folgen schlechter Verhältnisse, so lautet das Fazit einer neuen Studie.
  • In den soziökonomisch schwachen Bevölkerungsschichten sei man schlicht stärker aufeinander angewiesen.
  • In dieser Lage profitiert, wer die Gefühle und emotionalen Zustände der Schicksalsgenossen lesen kann.
Von Sebastian Herrmann

In den dunkelsten Ecken warten manchmal die feinsten Menschen. Das erlebt zum Beispiel, wer es wagt, eine düster wirkende Eckkneipe zu betreten. Vor dem Tresen sitzen, stehen und trinken dort oft Menschen, die selbst wenig haben, dem Fremden aber mit fast beschämender Herzlichkeit begegnen. Und während der Neuling in der Kneipe noch mit seiner Befangenheit kämpft, hat ihm einer der Stammgäste schon einen ausgegeben. Im Kontrast wirken hochpolierte Bars wie seelische Vereinzelungsanlagen: Die meisten Gäste dort sehen schön aus, blicken aber kalt durch die anderen Besucher hindurch, als wären diese nicht anwesend.

Psychologen können solche Tresenbeobachtungen mit Experimenten aus ihren Labors bestätigen. So haben sie gezeigt, dass Menschen mit geringem sozialen Status anderen oft mit besonderer Offenheit begegnen. Sie nehmen rascher Blickkontakt auf, lachen häufiger und erleichtern es anderen auf diese Weise, ihrerseits Kontakt aufzunehmen. Und dass einem im Pilsstüberl eher ein Bier ausgegeben wird als in der Lounge, passt ebenfalls zu den Befunden der Wissenschaft: Arme Menschen sind oft großzügiger und offenbaren zudem größere Empathie als Angehörige privilegierter Schichten.

Der sozioökonomische Status eines Menschen wirkt sich also nicht nur auf das materielle Wohlergehen aus, sondern beeinflusst darüber hinaus das Denken, Handeln und Fühlen. Das zeigt der Psychologe Antony Manstead von der Universität Cardiff, der im British Journal of Social Psychology gerade den Forschungsstand zu diesem Thema zusammengetragen hat.

Wohlhabende Menschen offenbaren in Studien unangenehme Züge

Hilfsbereitschaft und Empathie sind demnach gute Folgen schlechter Verhältnisse: In den unteren Bevölkerungsschichten sei man schlicht stärker aufeinander angewiesen und begreife sich mehr als Teil eines Kollektivs denn als Individuum, das sich irgendwie selbst verwirklichen sollte. Und wer in besonderem Maße auf andere angewiesen ist, profitiere stark davon, die Gefühle und emotionalen Zustände der Schicksalsgenossen lesen zu können, schreibt Manstead.

Wohlhabende Menschen offenbaren hingegen in Studien oft unangenehme Züge. Etwa helfen sie anderen in Not oft nur dann, wenn dies öffentlich geschieht. So können sie sich als Wohltäter inszenieren, Stolz auf sich selbst empfinden und sich etwa auf der Charity-Gala als guter Mensch profilieren. Die weniger Privilegierten bieten hingegen eher Unterstützung an, wenn es sonst niemand mitbekommt - als wäre Hilfsbereitschaft ganz und gar selbstverständlich.

Das sind jedoch keine Gründe, um nun Armut und das einfache Leben zu romantisieren. Der hohe Stresslevel eines Lebens in prekären Verhältnissen weckt auch Ablehnung: Am unteren Ende der Gesellschaft sind Vorurteile gegen Minderheiten oft besonders ausgeprägt.

Das liege daran, so Manstead, dass gering Qualifizierte direkt mit Immigranten aus armen Ländern um Jobs konkurrieren müssen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass sich diese Vorurteile auch leichter wieder zerstreuen - wenn man sich gemeinsam am Tresen trifft und bemerkt, dass einen die gleichen Nöte und Sorgen beschäftigen.

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