Rekordflieger Auf die Malediven geblasen

Charles Anderson hingegen entwirft ein anderes Szenario: Seiner Ansicht nach werden die Insekten von Indien aus binnen Tagen auf die Malediven geblasen. Weil sie dort keine Süßwasser-Pfützen finden, ziehen sie schon bald weiter. Nach einer kurzen Rast auf den Seychellen und Madagaskar erreichen sie im Januar Kenia oder Mosambik. Jedes neue Ziel ist den Insekten recht, denn der Monsun trägt sie automatisch dorthin, wo es regnet. Sie brauchen nur ihre Eier in die frischen Pfützen zu legen, auf dass der Nachwuchs die Wanderung fortsetzen kann. Nach vier Generationen haben es die nicht einmal fünf Zentimeter großen Tiere bis nach Südafrika geschafft.

Dort liegt der Wendepunkt ihrer Reise, denn inzwischen hat der Wind gedreht. Statt aus Nordost weht er in den hoch gelegenen Schichten nun aus Südwest. Der Wind trägt die Libellen den ganzen langen Weg zurück nach Indien, wo Monate zuvor ihre Ur-Ur-Urgroßeltern losgezogen sind. Nach einer Rundreise von 14.000 bis 18.000 Kilometern schließt sich der Kreis der Libellenwanderung. Sollten Andersons Überlegungen zutreffen, würden die Insekten mindestens 3500 Kilometer am Stück übers offene Meer fliegen.

Ernst-Gerhard Burmeister, Leiter der Abteilung Insektenkunde der Zoologischen Staatssammlung München, traut den Wanderlibellen eine derart lange Reise zu und hält Andersons Hypothese für plausibel. Martin Wikelski, Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee, warnt jedoch vor zu schnellen Schlussfolgerungen: "Das zeitgleiche Auftreten beweist nicht, dass die Libellen tatsächlich über den Ozean geflogen sind."

Auch Anderson räumt ein: "Es gibt bislang keinen direkten Beweis dafür, dass indische Wanderlibellen in Ostafrika ankommen." Stattdessen zählt der Biologe weitere Indizien auf, die seine Hypothese stützen. So passt der Zeitpunkt, zu dem große Libellenschwärme auf Madagaskar und den Seychellen eintreffen, gut zum Abflug der Libellen von den Malediven. Auch Meeresforscher melden zuweilen von ihren Schiffen auf hoher See, dass sie große Libellenschwärme gesichtet hätten.

Zudem tauchen im Mai, also mit Beginn des Südwest-Monsuns, die Insekten plötzlich wieder auf den Malediven auf. Wie zuvor im Oktober legen sie hier eine kurze Rast ein - diesmal jedoch auf dem Rückflug von Afrika nach Indien, wie Anderson vermutet.

Unterstützung für seine Hypothese bekommt der Biologe auch von Vogelforschern. Seit langem weiß man, dass viele Zugvögel auf ihrem Weg zwischen Sommer- und Winterquartier exakt dieselbe Route wählen, die Anderson den Libellen zuschreibt.

Viele dieser Vögel, etwa die Amurfalken, fliegen Afrika nicht im Norden Somalias an, obwohl das von Indien aus der nächstgelegene Punkt ist. Vielmehr landen sie weiter südlich in Somalia, Kenia oder sogar in Tansania - und fliegen dazu bis zu 4000 Kilometer übers offene Meer.

"Die Wanderung des Amurfalkens ist eines der großen ornithologischen Rätsel der heutigen Zeit", schreibt der indische Greifvogelexperte Rishad Naoroji.

Charles Anderson glaubt nun eine Erklärung gefunden zu haben: "Amurfalken und all die anderen Vögel kommen zur selben Zeit wie die Libellen mit dem Monsun über den Ozean nach Afrika. Sie nutzen die gleichen Winde und fliegen in der gleichen Höhe." Ein letztes Argument hat der Biologe noch: "All diese Vögel ernähren sich von großen Insekten. Viele von ihnen fressen bevorzugt Libellen. Ich glaube nicht an Zufälle."