Neuropädagogik Mehr Hirn bitte, und weniger Forscher

Hirnforschung ist schön und gut und an vielen Stellen sicher sinnvoll. Wenn es ums Lernen geht aber nicht.

(Foto: Getty Images)

Die Hirnforschung erkundet die grundlegenden Prozesse des Lernens. Das ist trivial, weil es nur bestätigt, was Pädagogen längst wissen.

Kommentar von Christian Weber

Angenommen, es herrscht Hungersnot. Wäre es dann sinnvoll, Hirnscanner einzufliegen und die neurophysiologischen Prozesse zu untersuchen, die im Gehirn eines unterernährten Menschen ablaufen? Schließlich wäre es ja vorstellbar, dass sich Abweichungen gegenüber dem Hirn eines Satten finden, die mit erneuter Nahrungsaufnahme wieder verschwinden. Man könnte so sauber nachweisen, dass Essen hilft, Hunger zu bekämpfen. Bingo. Wozu braucht es da noch Entwicklungsexperten, Agrarwissenschaftler, Ökonomen, Politologen?

Natürlich vertritt niemand solchen Unfug. Umso erstaunlicher ist es, dass immer noch einige Autoren und Forscher glauben, dass die Hirnforschung den Lehrern auf die Sprünge helfen könnte. Dabei leidet diese sogenannte Neuropädagogik unter genau dem gleichen Denkfehler: Sie glaubt, dass sich aus der Beobachtung neuronaler Prozesse beim Lernen bereits pädagogische Einsichten gewinnen lassen.

Wie sehr dieses Vorhaben gescheitert ist, zeigt ein ausführlicher Review, die der Psychologe Jeffrey Bowers von der University of Bristol für die aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Psychological Review erstellt hat. Seine Bilanz ist vernichtend: "In der Literatur finden sich bislang keine neuen und hilfreichen Ratschläge für den Unterricht, die auf der Hirnforschung basieren."

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Bowers' Analyse bestätigt jene Kritik, die der Neuropädagogik schon früher entgegengeschlagen ist: Sie ist trivial, weil sie mit der Analyse von Synapsen Dinge bestätigt, die der modernen Pädagogik ohnehin seit Langem bekannt ist, etwa, dass man mit positiven Emotionen besser lernt. Oder, dass auch das erwachsene Hirn noch plastisch und lernfähig ist - welchen Sinn hätten sonst Universitäten?

Sie ist irrelevant, weil sie mit großem technischen Aufwand Diagnosen erstellt, die sich auch mit einem Test unter Zuhilfenahme von Papier und Bleistift besser und billiger erledigen lassen: Womöglich finden sich neuronale Korrelate für den Lernfortschritt dyslexischer Kinder; man kann aber auch einfach ein Diktat machen und die Rechtschreibfehler zählen.

Mit welchen Texten lehrt man sie die Liebe zur Literatur?

Vor allem aber zeigt sich mit der Analyse der Psychological Review erneut, dass die Hirnforschung viel zu sehr in den Grundlagen steckt, um hilfreich bei der konkreten Gestaltung des Unterrichts zu sein: Wie etwa baut man ein Experiment auf, damit die Schüler die Physik dahinter verstehen? Mit welchen Texten lehrt man sie die Liebe zur Literatur?

Das alles ist kein Argument gegen die Hirnforscher an sich, nur eine Bitte, dass sie in ihrem Revier bleiben. Es ist wie bei den Gastroenterologen, die furchtbar viel von Verdauung verstehen. Dennoch würde man keinen Kochkurs bei ihnen buchen.

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