Nachhaltiges Dämmen "Wir zerstören unsere Baukultur, nur um Weltmeister im Sanieren zu werden"

900 Millionen Quadratmeter Styroporplatten haben Bauherren mittlerweile an ihre Häuser zimmern lassen - eine Fläche so groß wie das Land Berlin.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Auch die Entsorgung kann Immobilienbesitzer teuer zu stehen kommen. Denn die Dämmplatten müssen mit hohem Aufwand von der Fassade abgelöst und als Sonderabfall entsorgt werden. Die einzelnen, miteinander verklebten oder verdübelten Bestandteile — Dämmstoff, Folien, Putz, Kleber und Treibmittel — lassen sich nur sehr schwer sortenrein trennen. Zudem steckt in Polystyrolplatten das Brandschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) — ein Umweltgift, das sich dauerhaft in der Natur ansammelt und in Organismen anreichert. Es wurde 2013 weltweit verboten und soll 2014/15 nach einjähriger Übergangsphase endgültig vom Markt verschwinden und durch einen neuen Flammhemmer ersetzt werden. Leider wurde der Stoff in WDVS-Platten schon millionenfach an deutschen Häusern angebracht; und HBCD-haltige WDV-Systeme zu recyceln, ist nicht erlaubt. Stattdessen wandern die Abfälle in die "thermische Verwertung", sprich sie werden verbrannt. Dabei lässt sich nur etwa die Hälfte der Energie zurückgewinnen, die zur Produktion nötig war. Eine unbefriedigende Notlösung, wie selbst WDVS-Befürworter einräumen.

Zumal die Dämmplatten in Müllverbrennungsanlagen transportiert werden müssen, die oft Hunderte Kilometer von der Baustelle entfernt liegen. Da Styropor extrem voluminös ist, sind die Lkw im Nu beladen — allein beim Rückbau eines Einfamilienhauses entstehen bis zu 60 Kubikmeter WDVS-Abfall. Noch ist das Problem überschaubar, da bislang kaum WDVS-Müll anfällt. Wenn Deutschlands Styroporfassaden aber in die Jahre kommen, werden Laster den Sondermüll quer durchs Land karren müssen.

Die üppigen Einsparversprechungen sind oft übertrieben

Christoph Mäckler, zugleich Leiter des Instituts für Stadtbaukunst in Dortmund, ist die "Einpackerei" auch aus architektonischen Gründen ein Dorn im Auge: "Backsteinornamente werden abgerissen, reich gegliederte Fassaden verschwinden hinter Dämmstoffschichten. Wir zerstören unsere Baukultur, nur um Weltmeister im Energiesparen zu werden!" Außerdem seien die üppigen Einsparversprechungen der Dämmstoffhersteller von 50, 60 oder gar 70 Prozent völlig illusorisch, warnt Mäckler: "Das mag bei einem kalifornischen Landhaus aus Sperrholz klappen, nicht aber bei einem gewöhnlichen Massivbau." Laut einer Broschüre des Bundesbauministeriums lassen sich durch das nachträgliche Dämmen der Fassade einer Doppelhaushälfte gerade mal 14 Prozent einsparen. Deshalb plädiert Mäckler dafür, zunächst die Heizung auszutauschen oder Keller und Dach zu dämmen. Für Neubauten fordert er ein bundesweites Verbot von WDVS: "Dämmung ist an sich nichts Schlechtes, aber man sollte sie mit einer massiven Schale aus Mauerwerk nach außen vor Witterungseinflüssen schützen. Oder die Mauer gleich so dick konstruieren, dass kein gesonderter Dämmstoff mehr nötig ist."

Neben wärmedämmenden Ziegeln oder konventionellen Materialien wie Stein- oder Glaswolle kommen als Polystyrolalternativen auch nachwachsende Dämmstoffe in Frage. Mit Schilf, Hanf, Strohballen oder Holzspänen lassen sich Häuser prima isolieren. Bislang liegt der Marktanteil von Ökodämmstoffen in Deutschland aber nur bei fünf Prozent. Dabei können ihre Eigenschaften durchaus mit konventionellen Baustoffen mithalten. Zudem lassen sich die meisten mit geringerem Energieaufwand herstellen, angenehm verarbeiten und nach Abriss eines Hauses wiederverwerten oder kompostieren. Bioquellen für Dämmstoff finden sich dabei nicht nur zu Land, sondern auch zu Wasser.

Entdeckung beim Surfen

Im Meer ist jedenfalls Richard Meier fündig geworden. In einer Lagerhalle in Karlsruhe hortet er nun seinen "Schatz": Etwa 1000 Säcke voll mit Seegraskugeln stapeln sich dort. "Damit dämmen wir morgen die Geschossdecke einer Lagerhalle", sagt der emeritierte Architektur-Professor und greift sich eine der braunen, filzartigen Kugeln. Er entdeckte den Naturstoff 2006 beim Kitesurfen an der Costa Blanca. Die Wellen hatten die hühnerei- bis handballgroßen Kugeln an den Strand gespült. "Sie bestehen aus den verwelkten Blattrippen der Posidonia oceanica. Im Meer ist diese Seegrasart Lebensraum für Jungfische und Krebse, sie reinigt das Wasser von Schadstoffen, speichert CO2 und schützt die Küste vor Erosionen durch Welleneinschläge", weiß Meier. An Land aber taugten die Neptunbälle bis vor wenigen Jahren allenfalls als nettes Mitbringsel. "Nicht mal verbrennen kann man das Zeug", sagte ein Freund damals zu Meier.

Das ließ den Experten für Baustoffkunde aufhorchen. Er packte einige Proben ein und ließ sie vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart prüfen. Die Forscher waren begeistert: Dank seiner silikathaltigen Faserstruktur ist das Seegras schwer entflammbar. Ein Vorteil gegenüber vielen anderen Ökodämmstoffen, denen Borsalze als Brandhemmer beigemischt werden müssen. Zudem ist das Seegras schimmelresistent, speichert hervorragend Wärme und trocknet schnell. Ohne Schaden zu nehmen, geben die Fasern nach zwei bis drei Tagen die Feuchtigkeit wieder frei. "Sie kommen ja schließlich aus dem Meer", betont Richard Meier schmunzelnd.

Der 66-Jährige lässt die Seegraskugeln an Stränden in Tunesien und Albanien von Hand einsammeln und per Schiff und Lkw nach Deutschland bringen. Zwar kostet der Dämmstoff namens NeptuTherm fast das Doppelte wie die gleiche Menge Zelluloseflocken. Dafür bekommen Seegras-Freunde ein hundertprozentiges Naturprodukt. Und trotz des weiten Transportwegs ist die Primär-Energiebilanz bis zu 20 Mal besser als bei Polystyrol. Kein Wunder, das Material kommt fast einbaufertig aus dem Wasser. Mit einem Sieb rütteln Mitarbeiter nur noch den Sand aus den Poren, bevor ein Häcksler das Gras zerkleinert. Anschließend transportieren Meiers Leute die Fasern in wasserdichten Plastikpfandsäcken auf die Baustelle und blasen oder stopfen es in Geschossdecken, Innen- und Außenfassaden. 15 Einfamilienhäuser und eine Schule dämmt der "Meeresabfall" schon. Wird der Dämmstoff nicht mehr gebraucht, können Meiers Kunden ihn ganz leicht entsorgen: Sie harken die Kugeln einfach unter die Gartenerde. Vielleicht sollte Ulrich Wickert da mal vorbeischauen.