Süddeutsche Zeitung

Nachhaltiges Dämmen:Verdämmt noch mal!

Sie bestehen aus Erdöl, ziehen Schimmel an und enden als Sondermüll: An vielen Hausfassaden klebt eine Dämmung aus Styroporplatten. Dabei gibt es längst ökologische Alternativen - die können sich auch finanziell auszahlen.

Von "natur"-Autor Michael Brüggemann

Dämmen ist als Thema nicht gerade sexy: der Aufwand, der Baulärm, die Kosten. Da kann ein prominenter Werbeträger wie Ulrich Wickert nicht schaden. Als Botschafter der Kampagne Dämmen-lohnt-sich.de wirbt der Ex-Tagesthemen-Moderator dafür, Häuser warm einzupacken. "Damit zeigen wir Verantwortung für die Umwelt", sagt Wickert in einem Fernsehspot. Lächelnd steht er vor einem Haus, in der Einfahrt spielen Kinder, drinnen liegt ein Paar kuschelnd auf dem Sofa. Man denkt an wärmende Wände, niedrige Heizkosten, Umwelt- und Klimaschutz. Nur eines klammert der hübsche Imagefilm von Firmen wie Baumit, Brillux, DAW und Sto gekonnt aus: Womit dämmen wir eigentlich?

In Deutschland kleben oder dübeln Handwerker meist Dämmplatten an die Außenwand, die anschließend mit einem dünnen Deckputz verkleidet wird. Wärmedämmverbundsystem (WDVS) nennt sich diese Thermopackung. Rund 900 Millionen Quadratmeter Platten wurden auf diese Weise bislang an deutsche Häuser gepappt — eine Fläche in etwa so groß wie das Bundesland Berlin. Allein 2012 zimmerte die Branche etwa 40 Millionen Quadratmeter an heimische Fassaden.

In drei von vier Fällen steckt hinter der dünnen Putzschicht ein Produkt aus expandiertem Polystyrol, besser bekannt als Styropor. Es ist günstig und besitzt gute Dämmeigenschaften — besonders umweltfreundlich ist es allerdings nicht. Zwar bestehen Polystyrolplatten zu 98 Prozent aus Luft und nur zu zwei Prozent aus Kunststoff, sie sind also im Prinzip "verpackte Luft", wie es BASF, einer der weltweit größten Hersteller, gern beschreibt. Deshalb dämmt Styropor auch so gut. Der Rohstoff für diese Verpackung, ein kugelförmiges Granulat, wird jedoch aus Rohöl gewonnen. Mit Hilfe von Wasserdampf schäumt man die millimeterkleinen Kügelchen auf das 20- bis 50-fache ihres ursprünglichen Volumens auf und backt sie in speziellen Öfen zu Dämmplatten.

Die Förderung orientiert sich nur an der Heizkostenersparnis, der Baustoff spielt keine Rolle

"Wir kleben ein Erdölprodukt auf unsere Häuser", kritisiert der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler - und das obwohl der weltweite Vorrat an fossilen Brennstoffen zur Neige geht und die Risiken der Ölförderung zunehmen. Hinzu kommt: Um ein Kilogramm Styropor herzustellen, braucht man rund fünf Kilogramm Erdöl. Die Umweltbilanz ist also denkbar schlecht. Viele Bauherren interessiert das allerdings wenig, denn der künstliche Stoff ist billig. Um den Dämmwert gemäß Energieeinsparverordnung zu erreichen, kostet eine Polystyrolplatte für den Dachbereich rund 12,50 Euro pro Quadratmeter, Glaswolle etwa 16,50 Euro. Einblaszellulose, der mit Abstand günstigste Naturdämmstoff, liegt bei 17,50 Euro, Hanf oder Flachs dagegen bei 30 Euro.

Entsprechend gut verkauft sich Styropor. Ganze Straßenzüge verschwinden unter oberschenkeldicken Hartschaumplatten. Bis 2050 sollen 90 Prozent der bundesweit rund 19 Millionen Büro- und Wohngebäude klimafreundlich saniert sein. So wollen es die ehrgeizigen Pläne der Bundesregierung. Sie pumpt großzügig Zuschüsse in die energetische Sanierung. Doch die Förderung orientiert sich ausschließlich an der erzielten Heizkostenersparnis, der Baustoff spielt keine Rolle.

Dabei beobachten Baugutachter auch schwerwiegende Nachteile an WDVS-Fassaden. Weil kaum Wärme nach außen gelangt, kühlt die Oberfläche nachts rapide ab. Feuchtigkeit kondensiert und bildet Tauwasser — ein idealer Nährboden für Algen, Bakterien und Schimmelpilze. Schon nach wenigen Monaten prangt an manchen Fassaden ein grau-grüner Pelz. Um Algen und Schimmel den Garaus zu machen, mischt die Baustoffindustrie Algizide und Biozide in die Kunstharzputze und Dispersionsfarben. "Wenn es aber länger stark auf die Fassade regnet, werden die Mittel mit der Zeit ausgewaschen", mahnt Michael Burkhardt von der Hochschule für Technik im schweizerischen Rapperswil. Je nach Niederschlagsmenge und Standort kann der Putz in den ersten anderthalb Jahren bis zu 20 Prozent der Algizide freigeben, so der Geowissenschaftler. Zu den Herbiziden zählen Wirkstoffe wie das gewässergefährdende Diuron oder das Nervengift Terbutryn. Gelangen diese Chemiekeulen ungefiltert in Bäche und Flüsse, beeinträchtigen sie nicht nur die Gewässerqualität, sondern schädigen auch Flora und Fauna.

Was Bauherren zunächst sparen, müssen sie später für die Wartung aufwenden

Inzwischen sind viele Hersteller dazu übergegangen, die Biozide im Putz auf Mikroebene zu verkapseln. Dadurch streckt sich die Auswaschung zwar über einen längeren Zeitraum, verhindert wird sie aber nicht. Besser wäre es, erst gar keine Biozide beizumischen, sagt Burkhardt. Sein Anti-Algen-Rezept: "Mineralfarben und mineralische Putze statt Silikon- oder Kunstharzputze." Und eine andere Architektur: "Viele Häuser stehen heute ohne vernünftigen Dachüberstand nackt im Regen." Gewässerschutz beginnt bei der Fassade, findet der Forscher. Richtig angekommen ist seine Botschaft noch nicht: Manche Hersteller bieten ihren Putz für ein Zehntel von dem an, was Qualitätsprodukte kosten. Viele Bauherren greifen deshalb gern zu herkömmlichen Produkten. "Die Biozidbelastung ist ja nicht direkt spürbar: Das Wasser fließt ab und kaum jemanden stört es."

Nicht minder problematisch ist die Entsorgung der Dämmplatten: Nach ihrer Lebensdauer müssen die WDVS-Styroporplatten abgerissen oder erneuert werden. Der Hersteller Sto bietet sogar die Sanierung alter WDVS an. In einer Broschüre wirbt Sto dafür, unvermeidbare Schäden sogar zu beheben: Risse im Putz, Abplatzungen und Schäden, etwa durch Fußbälle, Fahrradlenker oder Spechte, die Löcher in die Fassade hacken. Über dem alten Dämmverbund wird flugs ein neuer montiert, weg sind all die unschönen Makel. "Die wollen selbst mit der Reparatur noch Geld verdienen", moniert Architekt Mäckler. Das Ausbessern ist ein gutes Geschäft. Nach 80 Jahren summieren sich die Kosten für die Instandsetzung einer WDVS-Fassade auf mehr als 1300 Euro pro Quadratmeter, hat das Institut für Bauforschung in Hannover errechnet. Es waren die mit Abstand höchsten Folgekosten unter den üblichen Fassadenkonstruktionen. Was Bauherren bei der Anschaffung eines Styropor-WDVS sparen, geht später für die Wartung drauf.

"Wir zerstören unsere Baukultur, nur um Weltmeister im Sanieren zu werden"

Auch die Entsorgung kann Immobilienbesitzer teuer zu stehen kommen. Denn die Dämmplatten müssen mit hohem Aufwand von der Fassade abgelöst und als Sonderabfall entsorgt werden. Die einzelnen, miteinander verklebten oder verdübelten Bestandteile — Dämmstoff, Folien, Putz, Kleber und Treibmittel — lassen sich nur sehr schwer sortenrein trennen. Zudem steckt in Polystyrolplatten das Brandschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) — ein Umweltgift, das sich dauerhaft in der Natur ansammelt und in Organismen anreichert. Es wurde 2013 weltweit verboten und soll 2014/15 nach einjähriger Übergangsphase endgültig vom Markt verschwinden und durch einen neuen Flammhemmer ersetzt werden. Leider wurde der Stoff in WDVS-Platten schon millionenfach an deutschen Häusern angebracht; und HBCD-haltige WDV-Systeme zu recyceln, ist nicht erlaubt. Stattdessen wandern die Abfälle in die "thermische Verwertung", sprich sie werden verbrannt. Dabei lässt sich nur etwa die Hälfte der Energie zurückgewinnen, die zur Produktion nötig war. Eine unbefriedigende Notlösung, wie selbst WDVS-Befürworter einräumen.

Zumal die Dämmplatten in Müllverbrennungsanlagen transportiert werden müssen, die oft Hunderte Kilometer von der Baustelle entfernt liegen. Da Styropor extrem voluminös ist, sind die Lkw im Nu beladen — allein beim Rückbau eines Einfamilienhauses entstehen bis zu 60 Kubikmeter WDVS-Abfall. Noch ist das Problem überschaubar, da bislang kaum WDVS-Müll anfällt. Wenn Deutschlands Styroporfassaden aber in die Jahre kommen, werden Laster den Sondermüll quer durchs Land karren müssen.

Die üppigen Einsparversprechungen sind oft übertrieben

Christoph Mäckler, zugleich Leiter des Instituts für Stadtbaukunst in Dortmund, ist die "Einpackerei" auch aus architektonischen Gründen ein Dorn im Auge: "Backsteinornamente werden abgerissen, reich gegliederte Fassaden verschwinden hinter Dämmstoffschichten. Wir zerstören unsere Baukultur, nur um Weltmeister im Energiesparen zu werden!" Außerdem seien die üppigen Einsparversprechungen der Dämmstoffhersteller von 50, 60 oder gar 70 Prozent völlig illusorisch, warnt Mäckler: "Das mag bei einem kalifornischen Landhaus aus Sperrholz klappen, nicht aber bei einem gewöhnlichen Massivbau." Laut einer Broschüre des Bundesbauministeriums lassen sich durch das nachträgliche Dämmen der Fassade einer Doppelhaushälfte gerade mal 14 Prozent einsparen. Deshalb plädiert Mäckler dafür, zunächst die Heizung auszutauschen oder Keller und Dach zu dämmen. Für Neubauten fordert er ein bundesweites Verbot von WDVS: "Dämmung ist an sich nichts Schlechtes, aber man sollte sie mit einer massiven Schale aus Mauerwerk nach außen vor Witterungseinflüssen schützen. Oder die Mauer gleich so dick konstruieren, dass kein gesonderter Dämmstoff mehr nötig ist."

Neben wärmedämmenden Ziegeln oder konventionellen Materialien wie Stein- oder Glaswolle kommen als Polystyrolalternativen auch nachwachsende Dämmstoffe in Frage. Mit Schilf, Hanf, Strohballen oder Holzspänen lassen sich Häuser prima isolieren. Bislang liegt der Marktanteil von Ökodämmstoffen in Deutschland aber nur bei fünf Prozent. Dabei können ihre Eigenschaften durchaus mit konventionellen Baustoffen mithalten. Zudem lassen sich die meisten mit geringerem Energieaufwand herstellen, angenehm verarbeiten und nach Abriss eines Hauses wiederverwerten oder kompostieren. Bioquellen für Dämmstoff finden sich dabei nicht nur zu Land, sondern auch zu Wasser.

Entdeckung beim Surfen

Im Meer ist jedenfalls Richard Meier fündig geworden. In einer Lagerhalle in Karlsruhe hortet er nun seinen "Schatz": Etwa 1000 Säcke voll mit Seegraskugeln stapeln sich dort. "Damit dämmen wir morgen die Geschossdecke einer Lagerhalle", sagt der emeritierte Architektur-Professor und greift sich eine der braunen, filzartigen Kugeln. Er entdeckte den Naturstoff 2006 beim Kitesurfen an der Costa Blanca. Die Wellen hatten die hühnerei- bis handballgroßen Kugeln an den Strand gespült. "Sie bestehen aus den verwelkten Blattrippen der Posidonia oceanica. Im Meer ist diese Seegrasart Lebensraum für Jungfische und Krebse, sie reinigt das Wasser von Schadstoffen, speichert CO2 und schützt die Küste vor Erosionen durch Welleneinschläge", weiß Meier. An Land aber taugten die Neptunbälle bis vor wenigen Jahren allenfalls als nettes Mitbringsel. "Nicht mal verbrennen kann man das Zeug", sagte ein Freund damals zu Meier.

Das ließ den Experten für Baustoffkunde aufhorchen. Er packte einige Proben ein und ließ sie vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart prüfen. Die Forscher waren begeistert: Dank seiner silikathaltigen Faserstruktur ist das Seegras schwer entflammbar. Ein Vorteil gegenüber vielen anderen Ökodämmstoffen, denen Borsalze als Brandhemmer beigemischt werden müssen. Zudem ist das Seegras schimmelresistent, speichert hervorragend Wärme und trocknet schnell. Ohne Schaden zu nehmen, geben die Fasern nach zwei bis drei Tagen die Feuchtigkeit wieder frei. "Sie kommen ja schließlich aus dem Meer", betont Richard Meier schmunzelnd.

Der 66-Jährige lässt die Seegraskugeln an Stränden in Tunesien und Albanien von Hand einsammeln und per Schiff und Lkw nach Deutschland bringen. Zwar kostet der Dämmstoff namens NeptuTherm fast das Doppelte wie die gleiche Menge Zelluloseflocken. Dafür bekommen Seegras-Freunde ein hundertprozentiges Naturprodukt. Und trotz des weiten Transportwegs ist die Primär-Energiebilanz bis zu 20 Mal besser als bei Polystyrol. Kein Wunder, das Material kommt fast einbaufertig aus dem Wasser. Mit einem Sieb rütteln Mitarbeiter nur noch den Sand aus den Poren, bevor ein Häcksler das Gras zerkleinert. Anschließend transportieren Meiers Leute die Fasern in wasserdichten Plastikpfandsäcken auf die Baustelle und blasen oder stopfen es in Geschossdecken, Innen- und Außenfassaden. 15 Einfamilienhäuser und eine Schule dämmt der "Meeresabfall" schon. Wird der Dämmstoff nicht mehr gebraucht, können Meiers Kunden ihn ganz leicht entsorgen: Sie harken die Kugeln einfach unter die Gartenerde. Vielleicht sollte Ulrich Wickert da mal vorbeischauen.

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