Meditation und Hirnforschung Zähneputzen für das Gehirn

Forscher belegen die Wirkung der Meditation in Medizin und Psychotherapie - und ziehen die Grenze zu Esoterik und Erlösungsphantasien, die den Ruf der Disziplin schnell wieder beschädigen könnten.

Von Christian Weber

Wer noch Zweifel hatte, dass die Meditation in der Mitte der Gesellschaft angelangt ist, wurde am vergangenen Wochenende in Berlin eines Besseren belehrt: Wenn sich ein gutes Dutzend, zum Teil hochkarätige Forscher und mehrere hundert Zuhörer im edlen Atrium der Deutschen Bank zu einem Kongress "Meditation und Wissenschaft" versammeln, kann man kaum noch von einem unterdrückten Thema sprechen.

Erst recht nicht, wenn nur ein "glückliches, privates Ereignis", verhindert, dass der Medizinclown Eckart von Hirschhausen eine angekündigte Begrüßungsansprache hält.

Es war ein Kongress, der vom beachtenswerten Potential der Meditation in Medizin, Psychotherapie und Wissenschaft kündete. Zugleich zeigten sich die weiterhin bestehenden Gefahren für diese Forschungsrichtung, nämlich die Entwicklung von Erlösungsphantasien, die den Ruf der Disziplin auch schnell wieder beschädigen könnten.

Besuch bei Yogis und Zen-Meistern

Mit einem Esoterik-Hautgout muss die Meditationsforschung seit ihren Anfängen leben, als die ersten Psychophysiologen in den 1960er Jahren zu den Yogis nach Indien und den Zen-Meistern nach Japan fuhren, um mit EEG und Blutdruckmessgerät die Parameter des meditativen Zustandes zu erheben.

Daran änderte auch das erste "Wetterleuchten der Meditationsforschung" in den späten 70er Jahren nichts, wie es Dieter Vaitl von der Universität Gießen nannte. Zu sehr verband die Wissenschaft damals Meditation mit LSD-Kultur und Guru-Wesen: Maharishi Mahesh Yogi bekam zwar Besuch von den Beatles, aber weniger von Uni-Psychologen. Umso mehr beteuerte Vaitl: "Heute sind wir weg von der Esoterik."

Viel verdankt die Forschung dabei der zunehmenden Verbreitung bildgebender Verfahren in der "Dekade des Gehirns", die zur Jahrtausendwende ausgerufen worden war. "Seitdem man ins Gehirn schauen kann, boomt die Meditationsforschung", resümiert Vaitl, der das Bender Institute of Neuroimaging in Gießen leitet. Mittlerweile erscheinen zwischen 200 bis 250 Studien pro Jahr zum Thema, und die Forscher haben sich von der Peripherie des Körpers in das Gehirn vorgearbeitet.

Ulrich Ott vom Bender Institute und seine Mitarbeiterin Britta Hölzel - derzeit in Harvard - resümierten die Ergebnisse: So belegten mittlerweile eine Handvoll Studien, dass Meditation nicht nur die Aktivität des Gehirns, sondern auch seine Struktur verändert - die Graue Substanz nimmt in den Regionen zu, die zuvor trainiert wurden.

Wer etwa durch einen sogenannten Bodyscan regelmäßig seine Körperwahrnehmung trainiert, bei dem wächst die Graue Substanz in den Gehirnregionen, die für die Repräsentation des gefühlten Leibes zuständig sind. Zu den Neuigkeiten des Kongresses gehörte eine von Hölzel vorgestellte Studie, die solche Effekte erstmals in einer zeitlichen Längsschnittsstudie vorstellte.

Die Ergebnisse sind umso eindrucksvoller, als dass viele der neueren Meditationsstudien lediglich auf einem Kurzzeit-Training der Probanden beruhen: Während die Pioniere der Meditationsforschung in den USA bevorzugt tibetische Mönche ins Labor luden, die bis zu 50.000 Stunden Meditationserfahrung hinter sich hatten, greift man heute oft auf Studenten zurück, die lediglich einen sogenannten MBSR-Kurs absolvieren.

Das ist eine von dem US-Mediziner Jon Kabat-Zinn entwickelte Methode zur "Mindfulness Based Stress Reduction" - zur Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Die Teilnehmer erlernen in einem nur achtwöchigen Kurs verschiedene Techniken der Meditation, der Körperwahrnehmung und des Yogas.

Mehrere Vortragende berichteten, wie MBSR Psychotherapie unterstützen kann, Befindlichkeitsstörungen lindert und Ausgeglichenheit befördert. Sogar bei chronischen Schmerzen hilft MBSR, wie Stefan Schmidt, Komplementärmediziner an der Uniklinik Freiburg, anhand von Studien unter anderem bei Rückenschmerz und Migräne verdeutlichte.

Allerdings geht es weniger um Symptom-Abschwächung, sondern um den Umgang mit den Schmerzen: Wer entsprechend der Lehre der Achtsamkeit, dem Schmerz offen im Geiste begegnet, statt ihn zu vermeiden, der mindere zumindest sein Leiden, ohne es völlig zu beseitigen.

Angesichts solch vorsichtiger Befunde überraschte der Vortrag von Harald Walach, Leiter des umstrittenen Instituts für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Universität Viadrina. Er zeigte sich schwer konsterniert von einer U-Bahn-Begegnung, bei der ihm eine Frau aufgefallen war, die mit zwei Handys zugleich kommunizierte. Von dieser Anekdote ausgehend diagnostizierte Walach einen allgemeinen Kulturzerfall, aus dem er folgerte: "Wenn wir nicht alle jeden Tag eine halbe Stunde meditieren, sehe ich keine Zukunft für unsere Gesellschaft." Meditieren müsse deshalb so selbstverständlich werden wie das tägliche Zähneputzen.

Mag sein, dass ihm die Vertreter des esoterischen Schriftguts zustimmen, das beim Kongress in Stapeln herumlag. Die bessere Perspektive für die Forschung formulierte Tania Singer, Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, die Studien vorgestellt hatte, wie manche Menschen durch Meditation ihr Mitgefühl trainieren können. "Die Meditationsforschung steckt noch in den Kinderschuhen", warnte Singer vor einer Selbstüberschätzung der Disziplin. "Wenn wir zu früh zu viele angeblich eindeutige und positive Ergebnisse bringen, schaden wir uns selbst."