Krieg, Drogen und Wahn in Somalia Kettenmenschen

Traumatisiert vom Bürgerkrieg, verwirrt von der Droge Khat - in Somalia vegetieren Hunderttausende psychotische Menschen unter furchtbarsten Bedingungen in Gefangenschaft vor sich hin.

Von Maggie Schauer und Peggy Martin

Ach, wenn doch zumindest die Sache mit den Katzen nicht wäre. "Aber ich kann ihn doch nicht immer an der Kette lassen", seufzt das alte Mütterchen im roten Gewand und zupft an ihrem Kopftuch. "Oft läuft er frei, bald kann ich ihn nicht mehr halten." Wenn Achmet frei ist, zieht er durch das Lager und fängt Katzen, die er mit einer Plastiktüte erstickt. Die toten Tiere versteckt er in seinem Kopfkissen, das er immer mit sich trägt. Er ernährt sich von den verwesenden Katzen, vom Abfall, manchmal von seinen Exkrementen. Fliegen schwirren um ihn herum.

Der Himmel strahlt blau über Hargeisa, der Hauptstadt der Republik Somaliland. Kinder toben am Straßenrand und Frauen in farbenfrohen Kleidern bevölkern die staubige Straße. Ein Meer von bunten Hütten aus Tüchern, Plastiktüten und Wellblech leuchtet in der Landschaft. Der 35-jährige Achmet und seine Mutter leben in dem Skelett einer solchen Hütte. Der Wind hat Tücher und Tüten weggeweht. Geblieben ist die kniehohe Wellblechverkleidung und ein Gerüst von Ästen.

Achmet sitzt auf einer schmutzigen Decke mit seinem Kopfkissen. Sein Fuß ist an eine Eisenkette angeschlossen. Fliegen sitzen in seinen Augen, an seinem Mund. Es riecht nach Verwesung, Urin und Exkrementen. Achmet wiegt sich nervös hin und her, lacht unkontrolliert, manchmal schlägt er um sich und schreit: "Hilf mir, Mama, sie bringen mich um! Bleib bei mir!" Dann wird er ruhiger, spricht undeutlich mit imaginären Personen. Seine Mutter meint, er dürfe nicht erzählen, mit wem er spricht, die hätten es ihm verboten. "Die", das sind die Halluzinationen.

In jedem fünften somalischen Haushalt leben einer epidemiologischen Untersuchung zufolge Menschen in Ketten, vermutlich mehr als acht Prozent der erwachsenen Männer sind psychisch schwer gestört. Sie sind die Opfer eines grausamen Experiments der Geschichte: Was passiert mit den Bürgern eines zerfallenen Staates, die über Jahre im schlimmsten Bürgerkrieg leben, die von Kindesbeinen an Gewalt und Drogen unterworfen sind?

Im Flüchtlingslager von Hargeisa sind Fischer von der Küste gestrandet und Bauern aus den südlichen Regionen, wo in den achtziger und neunziger Jahren der Kampf um Macht, Rohstoffe und fruchtbares Land am heftigsten tobte. Viele Heimkehrer leben hier, die während des Krieges geflohen waren und nun auf einen Neuanfang hoffen. Es findet sich kaum eine Familie, die nicht einen Sohn, eine Tochter, Vater oder Mutter oder andere Verwandte verloren hätte. Kaum ein Mann, der nicht im Namen der Warlords für eine Sache gekämpft hätte, die oft nicht die seine war.

Viele haben ähnliche Geschichten wie Achmet erlebt, der sich als junger Mann den Milizen des Somali National Movement (SNM) angeschlossen hatte. Er wollte kämpfen für sein Land. Doch schon im Ausbildungslager war er Übergriffen ausgesetzt, erlitt zahlreiche Verletzungen. An der Front tötete er Menschen und sah zu, wie andere getötet wurden. Ein Jahr lang, jeden Tag.

Überleben konnte er diese Hölle nur durch die stimulierende und Hunger tötende Kaudroge Khat, die aus den Blättern der gleichnamigen Pflanze besteht. Als er heimkam, war er gedemütigt, zerstört und ohne Zukunft. Aber er hatte noch Familie, Frau und Kinder, für die er sorgte - bis die ersten Symptome des Wahnsinns auftraten: Er wurde lethargisch, vernachlässigte die Körperpflege, verhielt sich aggressiv. Frau und Kinder verließen ihn. Jetzt kümmert sich nur noch seine Mutter um ihn.