Kreta Archäologen finden Belege für Seefahrt in der Altsteinzeit

Dieses Steinwerkzeug aus Plakias auf Kreta ist mindestens 130 000 Jahre alt.

(Foto: Nick Thompson)

Erreichten Frühmenschen wie Homo erectus Europa auf dem Seeweg? Das galt lange als unmöglich. Neue Funde auf Kreta stellen jetzt geltende Theorien infrage.

Von Esther Widmann

Archäologische Funde aus der frühen Steinzeit auf Kreta stellen womöglich die bisherige Besiedlungsgeschichte Europas infrage. Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass die Insel, auf der die erste europäische Hochkultur entstand, erst um etwa 6000 vor Christus besiedelt wurde. Doch ein Langzeitprojekt um die Spezialisten Curtis Runnels von der Boston University und Thomas Strasser vom Providence College kommt zu neuen Ergebnissen. Bei Ausgrabungen an der Südküste Kretas entdeckten die Archäologen Steinwerkzeuge aus der Mittelsteinzeit und der Altsteinzeit, die mehr als 130 000 Jahre alt sind. Zahlreiche Thesen über den Mittelmeerraum und die Menschheitsgeschichte müssten damit umformuliert werden, glauben die Wissenschaftler.

Da Kreta seit mehr als drei Millionen Jahren vom Festland getrennt ist, könnten die Menschen, die diese Werkzeuge benutzten, über das Meer gekommen sein. Dies galt bisher in dieser frühen Phase der Menschheit, vor dem Auftreten des modernen Menschen in Europa, als unmöglich. Allgemein wird angenommen, dass der moderne Mensch frühestens vor 130 000 Jahren erstmals Afrika Richtung Europa verlassen hat. Den Vorgängern von Homo sapiens hätten aber die intellektuellen Kapazitäten und das Geschick für solch waghalsige Überfahrten gefehlt, hieß es. Anthropologen gingen vielmehr davon aus, dass Frühmenschen wie Homo erectus über den Landweg nach Europa eingewandert sind, erstmals vor mehr als 1,5 Millionen Jahren. Mit den neuen Funden rückt der Seeweg als mögliche Option in den Vordergrund. Auch von anderen Mittelmeerinseln gibt es Funde aus der frühen Steinzeit, die bislang nicht recht ins Bild passten. In einem Artikel in der Fachzeitschrift Antiquity werten Runnels und Strasser jetzt einen bereits 1992 gefundenen Faustkeil aus Zypern als Hinweis auf altsteinzeitliche menschliche Präsenz auf der Insel.

Der stärkste Hinweis auf frühe Seefahrer stammt aus Plakias an der Südküste Kretas. Mehr als 2000 Steinwerkzeuge haben die Archäologen dort gefunden. Anhand der geologischen Schichten, in denen sie steckten, lässt sich bestimmen, dass sie älter sein müssen als 130 000 Jahre - die ältesten vielleicht sogar 1,5 Millionen Jahre. Zwar lag der Meeresspiegel innerhalb dieser Zeitspanne teilweise niedriger als heute. Doch eine Landbrücke gab es zu keiner Zeit. Die Menschen, die diese Werkzeuge benutzten, müssen also über das Meer gekommen sein, vermutlich von der Küste des heutigen Libyen aus.

Gab es schon während der Steinzeit Handel zwischen den Inseln?

Inzwischen hat Runnels auch an der Nordküste Kretas ähnliche Funde gemacht wie an der Südküste. Brachen Menschen von hier aus auf in den Norden, zum europäischen Festland? Denkbar ist allerdings auch die umgekehrte Richtung: Die Steinzeitmenschen könnten vom griechischen oder türkischen Festland aus die Inseln erkundet haben. Noch lässt sich zudem nicht sagen, wie dauerhaft die Aufenthalte auf Kreta waren, möglicherweise waren es eher kurze Jagdausflüge statt Besiedlungsversuche.

Die Funde könnten zudem helfen zu erklären, warum zahlreiche Tiere auf Kreta ausgestorben sind. Auf der Insel lebten hunderttausende Jahre lang Riesenhirsche, Zwergelefanten, Nilpferde von der Größe eines Schweins und Kreta-Zwergmammuts, die kleinste bekannte Mammutart. Nach und nach starben die originellen Tiere aus. Eine Theorie dafür ist, dass es an dem Klimaumschwung gelegen haben könnte, der vor 18 000 Jahren Teile der Insel vergletschern ließ. Die steinzeitlichen Werkzeuge könnten jedoch ein Argument dafür sein, dass der Mensch seinen Teil zum Niedergang der Arten beitrug - entweder durch ausschweifende Jagdzüge innerhalb kurzer Zeit oder die Zerstörung des Lebensraums über viele Jahrhunderte hinweg. Im säurehaltigen Boden in Plakias haben sich keine Knochen erhalten. Die Forscher hoffen jedoch, dass Pollenanalysen Aufschluss darüber geben können, wie die Menschen damals mit ihrer Umwelt interagierten. Die Archäologen wollen auch Felsritzungen in der Höhle von Asphendou in den kretischen Bergen genauer untersuchen. "Bei einigen Bildern, die ich gesehen habe, könnte es sich um Zwerghirsche der Art Candiacervus handeln", sagt Strasser.

Die ältesten Werkzeuge, darunter Faustkeile und sogenannte Kratzer, bestehen aus einheimischen Quartz. Ab 9000 vor Christus, als die Werkzeuge kleiner wurden und bereits Homo sapiens die Welt beherrschte, kam auch lokaler Feuerstein zum Einsatz - und Obsidian, wie die Ausgrabung einer mesolithischen Fundstelle zeigt. Dieses vulkanische Glas kommt auf Kreta nicht vor, sehr wahrscheinlich stammt es von der Nachbarinsel Milos. "Das zeigt, dass die Menschen auf Kreta Teil eines riesigen Handelsnetzwerkes in der Ägäis waren", vermutet Strasser. Der Handel müsste sich per Schiff abgespielt haben - was bei einer Entfernung von mehr als 100 Kilometern ein ziemliches Abenteuer gewesen sein dürfte.