Hinter diesem Anspruch auf die Deutungshoheit der menschlichen Natur kommt zum Vorschein, was der frühere Leiter der vatikanischen Sternwarte, George Coyne, als "nagging fear", als quälende Angst der Kirche vor den Naturwissenschaften bezeichnet hat.
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Schönborn zum Beispiel fürchtet, eine Auslieferung an den "Neodarwinismus" wäre gleichbedeutend mit dem Verzicht, die Welt als einen Ort göttlicher Weisheit und Zielsetzung zu begreifen. Hier zeigt sich eine immer wieder in römischen Verlautbarungen nachweisbare Angst vor der Freiheit der aufgeklärten Vernunft.
Wenn sich der Mensch zum Maß aller Dinge macht, so die Vermutung oder besser das Misstrauen, gerät seine Selbsteinschätzung außer Kontrolle; er verliert jede Orientierung für sein Handeln. Nur durch den Glauben könne das Licht der menschlichen Vernunft auf ein für ihn selbst erträgliches Maß gedimmt werden.
Dem kann man durchaus etwas abgewinnen; es fragt sich nur, auf welche Weise diese Korrektur geschehen soll: durch Anlegen von Scheuklappen oder durch Aufzeigen einer eigenen Perspektive?
Wie befreiend ist im Vergleich zu einer solchen Geisteshaltung die Vision des Teilhard de Chardin. Er hat die Evolutionstheorie Darwins ins theologische Denken integriert. Er hat nicht gefeilscht, wie viele Anteile der Schöpfungsaktien an die Naturwissenschaften abgetreten werden können und wie viele die Theologie behalten muss.
Schöpfung durch Evolution
Nein, er hat die Evolution vollständig, ja bedenkenlos übernommen. Er beschreibt sie 1950 mit dem französischen Wort "dérive" (Strömung, Drift), in dem das Kontinuierliche, Unaufhörliche mitschwingt, dessen Kraft man kaum merklich ständig ausgesetzt ist wie dem Abdriften mit der Ebbe auf einem scheinbar ruhigen Meer.
Evolution ist dann "ontologisch", ein Attribut des Seins. Erst vor diesem Hintergrund wird die Formel "Schöpfung durch Evolution" mehr als ein billiges Versöhnungsangebot, das beiden Seiten zu ihrem Recht verhelfen möchte. Schöpfung geschieht "durch" Evolution - nicht "statt" und nicht "neben" ihr.
Was macht ein Schöpfer in einer evolutiven Welt? Er macht keine Dinge, sondern er macht, dass "die Dinge sich machen". Dieses "Dieu faisant se faire les choses" ist eine wirkmächtige und fruchtbare Formel Teilhards. Sie beinhaltet vier Elemente:
- Gottes Schöpfertätigkeit ist von anderer Art als das Tun eines Handwerkers. Er ermöglicht die Dinge, aber dirigiert sie weder, noch bastelt er sie zusammen.
- Die Dinge machen sich selber. Es ist wirklich die Aktivität der Dinge, die sie werden lässt. Das bedeutet ein Ernstnehmen der empirischen Kausalität, die auch dort vorhanden sein muss, wo wir sie noch nicht aufgedeckt haben. Schöpfung ist kein Ersatz für das Wissen um Ursachen. Das ist gerade für die Biologie im Hinblick auf die großen weißen Flecken etwa bei der Entstehung des Bewusstseins wichtig.
- Machen, dass die Dinge sich machen, heißt auch, den Dingen das Vermögen zu verleihen, mehr zu werden, als sie aus sich heraus sind. Gott schafft keine Kreaturen, er verleiht Kreativität. Und dazu ist es nötig, dass er den Dingen zuinnerst ist. Er ist nicht der lockere Chef, der sagt, die können das schon von alleine, und verschwindet, sondern der Anteil nehmende Chef, der sich trotz aller Freiheit, die er lässt, interessiert zeigt an allem, was geschieht, es fördert und bestärkt.
- Der Schöpfer ist darum eben nicht fern, weggegangen, in seinem Himmel, sondern er ist gegenwärtig, überall und in allem. Gott ist ständig - ganz - verschenkt. Das beinhaltet zweierlei: Er ist nicht nur gelegentlich und ein wenig präsent, sondern ständig und ganz. Und er besitzt die Souveränität: Schenken setzt Freiheit und Selbstbesitz voraus.
Die erneuernde Kraft des Menschen
Nun sollte klar werden, warum ich Evolution als einen Segen für die Theologie ansehe und nicht als Bedrohung. Eine solche Theologie steht überdies voll auf dem Boden der Bibel. Gewiss wäre es eine ahistorische Vergewaltigung, von einem mehr als zweieinhalb Jahrtausende alten Text evolutive Aussagen zu erwarten.
Aber es kann nachdenklich machen, dass die Schöpfungserzählung des ersten Kapitels der Genesis ein Wort für "Schaffen" verwendet, das allein Gott vorbehalten ist. Das zeigt doch wohl das feine Gespür des biblischen Verfassers, dass göttliche Schöpfertätigkeit etwas anderes ist als menschliche Herstellungskunst.
Die wohlbekannte Erzählung, wie der erste Mensch aus Ackerboden "gemacht" wird, ist kein Widerspruch dazu. Hier steht die mythologisch wichtige Gestalt des Töpfers im Mittelpunkt. Es geht mehr um das Hervorbringen von Gestalt aus dem Stoff, um den Prozess der Kreativität, als um das "Verfertigen" von Produkten.
Das wird besonders deutlich durch den Bezug auf einen anderen biblischen Text (Jer 18,5), wo das Bild vom immer wieder neue Gefäße formenden Töpfer darauf abzielt, die Hoffnung auf Gottes erneuernde Kraft im Menschen lebendig zu halten.
Neben einem moralischen Appell lässt sich hieraus auch eine Aussage über den göttlichen Akteur gewinnen. Gott handelt seiner Schöpfung gegenüber wie ein Künstler, der eine ihn bewegende Idee verwirklichen will. Das geschieht erst in der Auseinandersetzung mit dem Stoff.
Kein Platz für Schiller
Es braucht die Materie, damit die Idee Gestalt annimmt; die materielle Form ist mehr als nur eine Kopie des im Geist schon Vorhandenen. So wie der Künstler die Materie, den Stoff braucht, um seine Idee auszudrücken, braucht Gott die Eigentätigkeit der Geschöpfe, um seinen "Schöpfungsplan" hervorzubringen.
Dieser Schöpfungsplan ist also nicht schon vor allen Zeiten minutiös festgelegt worden. Gott "braucht" Geschöpfe, um sich an sie zu verschenken und sie dadurch auf den Weg der "schöpferischen Einigung" mit ihm zu ermächtigen.
Könnte sich Schönborn auf einen solchen "Schöpfungsplan" einlassen? Wohl nicht, wenn die Konsequenz davon lautet: In der modernen Kosmologie ist kein Platz mehr für Gott! Wie aber, wenn man mit dem Münchener Religionsphilosophen Richard Schaeffler darauf konterte: "Im Wallenstein ist auch kein Platz für Friedrich Schiller"?
Er kommt darin nicht vor, und doch ist jede Seite von ihm. Entsprechend könnte Gott beim Lesen im Buch der Welt Kontur gewinnen wie ein Dichter in seinem Werk - vielschichtig zwar und auch widersprüchlich, aber darum nicht minder nachhaltig.
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Großprojekte in Berlin
Wenn Gottes Erscheinen ein Teil von Gottes Plan ist, dann macht das die ganze Sache noch schlimmer, überantwortet er doch damit Generationen von Menschen der ewigen Verdammnis. Selbst den Kirchen ging dieses zu weit und sie konstruierten deshalb Dinge wie Vorhöllen u.a.
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte - die Existenz eines Gottes ist ein Paradoxon in sich.
'(Nur als Anmerkung sei erlaubt, dass der Mensch mit seiner eingeschränkten Sicht der Dinge das Wirken des allmächtigen Gottes nicht unbedingt immer verstehen muss.)'
Dazu zwei Dinge:
1 - wir sind die Kinder Gottes, Kinder aber werden erwachsen und
2 - 'Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn....' (Gen 1,27)
Wie gesagt,man kann es drehen und wenden wie man will, die Annahme, es gäbe einen Gott mit den drei Attributen allmächtig, allgütig und allwissend, bleibt unvernünftig.
@Parvis
Finde ich eine ganz interessante Beweisführung, ganz ehrlich. Nur wird dabei außer Acht gelassen, dass Jesu Kommen von Anfang an Gottes Plan war. Nachzulesen bspw. schon im 1. Mose bei Abraham bis über die Psalme und Propheten. Demnach gab es keine Korrektur, sondern es ist alles planmäßig verlaufen.
Ist das logisch? Ich sage ganz klar nein, aber das soll offensichtlich auch nicht der Anspruch sein... ;)
(Nur als Anmerkung sei erlaubt, dass der Mensch mit seiner eingeschränkten Sicht der Dinge das Wirken des allmächtigen Gottes nicht unbedingt immer verstehen muss.)
denn falls Gott nur einer der folgenden Eigenschaften, allmächtig, allgütig und allwissend, fehlt, ist Gott kein Gott, bzw. göttlich, mehr. Einen nichtgöttlichen Gott aber zu verehren - was soll das bringen?
Das Theodizeeproblem hat das Christentum mit einem Kniff noch umschiffen können, hier aber versagt jede sinnvolle Argumentation.
@Parvis:
Die Schlußfolgerung, es gäbe keinen Gott, aus Ihrem letzten Satz ist nicht schlüssig.
Richtig ist die Aussage, daß es keinen Gott mit diesen, in sich allerdings widersprüchlichen, Eigenschaften wie Allmacht und Allwissen gibt.
@Ed Dellian:
Kummers wesentliche Aussage (eigentlich geht sie auf de Chardin zurück) lautet:
Gott hat Gesetze erschaffen, nach denen die Welt (=Materie) abläuft. Dazu hat er gewissen Lebewesen die Kreativität geschenkt, mit denen der deterministische Weltablauf (Hegels Weltuhrwerk) "aufgelockert" wird.
Hier zeigen sich die Ansätze von Freiheit, Selbstbestimmung, freier Wille usw.
Es ist ganz klar, daß die Kirche/Theologie einer solchen Auffassung keinen Widerstand entgegensetzt !
@broesam:
Der Wallensteinvergleich besagt nichts anderes, als daß (a) der Schöpfer zwar das Werk geschaffen hat, daß aber (b) das Werk ohne Kennnis des Schöpfers wahrgenommen werden kann, aber nicht muß. De "Kenner" erkennt im Werk den Schöpfer !
Eben diese Aussage schafft Raum für die Anbetung des Schöpfers - allerdings ist damit die Existenz eines Schöpfers in keinster Weise bewiesen.
'Nun sollte klar werden, warum ich Evolution als einen Segen für die Theologie ansehe und nicht als Bedrohung. '
Natürlich muss das jeden gläubigen Christen Angst machen stehen wir doch vor folgenden Dilemma.
Ist Gott der Erschaffer der Evolution als Prozess, darf er sich nicht mehr in die Entwicklung seiner Schöpfung einmischen. Denn würde er das tun wäre das sein Eingeständnis, nicht allwissend oder perfekt zu sein. Ein nicht allwissender Gott jedoch ist kein Gott, sondern ein uns vergleichbares, wohl höher entwickeltes aber dennoch seiner Art und Entstehung nach, verwandten Wesen - mehr nicht.
Und natürlich wäre Jesus damit nicht Gott (Sohn), sondern bestenfalls ein jüdischer Wanderprediger, der das Judentum reformierte. Als gläubigen Christen würde mir das gehörig Angst machen.
(Allerdings die Existenz eines allmächtigen Schöpfergottes führt genau zu denselben Paradoxon. Die einzig sinnvolle Behauptung bleibt also es gibt keinen Gott, der Beweis erfolgt durch sich widersprechende Axiome seiner Existenz bzw. Eigenschaften)
Paging