IPCC-Bericht zum Klimawandel "Merkel muss wieder Klima-Kanzlerin werden"

Als "Weckruf" und "Alarmsignal" bezeichnen Politiker und Wissenschaftler den neuen IPCC-Bericht zum Klimawandel. Umweltschützer sehen die nächste Bundesregierung in der Pflicht, mehr gegen die Erderwärmung zu tun. Angela Merkel hat bereits reagiert.

EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard sieht den Bericht des Weltklimarats IPCC als Weckruf. "Wenn Ihr Doktor sich zu 95 Prozent sicher ist, dass Sie an einer schweren Krankheit leiden, würden Sie sofort nach einer Behandlung suchen." Es ginge nicht mehr darum, ob man an den Klimawandel glaube oder nicht. "Es geht darum, ob man sich an die Wissenschaft hält oder nicht", erklärte Hedegaard in einer in Brüssel veröffentlichten Mitteilung. Mit der Zahl bezog sie sich auf die Sicherheit, die die Experten des IPCC für ihre Annahmen angegeben haben.

"An dem Tag, an dem alle Wissenschaftler Sie mit hundertprozentiger Sicherheit vor dem Klimawandel warnen, wird es zu spät sein." Europa werde weiterhin den Kampf gegen den Klimawandel anführen, versicherte Hedegaard. Bis Ende des Jahres werde die EU-Kommission Vorschläge für weitere Klimaschutz- und Energiesparziele für das Jahr 2030 machen. "Europa wird weiterhin mehr Handeln von allen Verschmutzern fordern", sagte sie.

Dem aktuellen Bericht des Weltklimarates zufolge wird der Meeresspiegel deutlich schneller steigen als bislang gedacht. Im ungünstigsten Fall erhöht er sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 82 Zentimeter. Und selbst wenn der Klimaschutz erheblich verstärkt würde, seien es noch mindestens 26 Zentimeter. Die Temperaturen auf der Erde könnten - ausgehend vom Zeitraum 1986 bis 2005 - bis Ende dieses Jahrhunderts um 0,3 bis 4,8 Grad steigen.

Auch die Leiterin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, bezeichnete den IPCC-Bericht als ein "Alarmsignal für die Welt". Der Bericht zeige, dass es mehr Klarheit über einen vom Menschen erzeugten Klimawandel gibt als jemals zuvor. "Die bisherigen Bemühungen zur Begrenzung der Erderwärmung reichten nicht aus."

Auch aus Sicht des Kieler Forschers Mojib Latif ist der Bericht "ein ganz deutliches Signal an die Welt". "Es gibt einen großen politischen Handlungsbedarf, sich endlich auf den Klimakonferenzen zu einigen", sagte der Wissenschaftler vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung nach einer Konferenz in Hamburg. Schließlich habe sich die internationale Staatengemeinschaft bereits auf die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad geenigt. Der Weltklimareport zeige, dass dies mit engagiertem weltweiten Klimaschutz theoretisch noch möglich sei.

"Wir müssen weg von der klimaschädlichen Verbrennung von Kohle und Öl", fordert Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid in Hamburg. Einige Länder aber, etwa Russland, täten so, als gäbe es eine zweite Welt. Eine Verringerung der Kohlendioxidemmissionen fordert auch der Deutsche Naturschutzring (DNR) von der neuen Bundesregierung. Angela Merkel (CDU) müsse wieder Klimakanzlerin werden, sagte DNR-Präsident Hartmut Vogtmann.

"Der Bericht wird die Kanzlerin antreiben"

Die Bundeskanzlerin hat Regierungssprecher Steffen Seibert zufolge bereits reagiert. Der Bericht werde "die Bundeskanzlerin natürlich - wie auch in der Vergangenheit - antreiben, eine ehrgeizige Klimapolitik zu machen", sagte Seibert in Berlin. "Das ist ein zentrales Anliegen der Bundeskanzlerin und der Bundesregierung, und das wird es auch bleiben."

Angela Merkel hatte als Bundesumweltministerin 1997 eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Kyoto-Protokolls gespielt, mit dem sich die meisten Mitgliedsstaaten der UN dem Ziel verpflichtet hatten, das Klima zu schützen. Auch als Bundeskanzlerin war sie eine treibende Kraft bei der Einigung darauf, dass die Erderwärmung zwei Grad nicht überschreiten soll. Im vergangenen Jahr ist der Kohlendioxid-Ausstoß in Deutschland allerdings trotzdem um rund zwei Prozent gestiegen.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erklärte auf einer Pressekonferenz in Berlin, der neue Weltklimabericht sei ein Aufruf zu einem entschlossenen politischen Handeln. Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei nur mit den richtigen Weichenstellungen zu erreichen. Schon in einem Koalitionsvertrag dürfte das Thema eine wichtige Rolle spielen. "Wir müssen weiterhin ehrgeizige nationale Klimaschutzziele setzen." Gleichzeitig müsse alles getan werden, um beim Klimagipfel im Jahr 2015 in Paris ein verbindliches internationales Abkommen zu erreichen.

Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), kritisierte, die letzte Bundesregierung hätte den Klimaschutz sträflich vernachlässigt. Eine neue Bundesregierung müsse alles tun, damit die Europäische Gemeinschaft als Ganzes auf der internationalen Bühne wieder eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz spiele. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse den Klimaschutz wieder ins Zentrum ihrer Politik stellen.

"Um extreme Wetterlagen, Überschwemmungen, Dürren, Hungerkatastrophen und große Flüchtlingsströme zu vermeiden, müssen vor allem die Industriestaaten sofort handeln. Längeres Warten wird für alle sehr, sehr teuer", sagte Weiger. "Wenn die für den Klimawandel hauptverantwortlichen Industriestaaten und inzwischen auch große Schwellenländer so weitermachen wie bisher, setzen sie das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel."

"Das sind schlechte Nachrichten für den Planeten", sagte Sven Harmeling, Koordinator für Klimapolitik bei Care International, zum IPCC-Bericht. Für die Ärmsten der Armen sei der Klimawandel schon lange bittere Realität, obwohl sie am wenigsten dazu beitrügen, sagte Harmeling. Care müsse in seinen Programmen zur Armutsbekämpfung schon lange Methoden anwenden, die die Menschen auf die bereits heute deutlichen Folgen des Klimawandels vorbereiten: "Im Niger müssen Bauern neue Einkommensmöglichkeiten suchen, denn die Aufzucht von Vieh wird durch die vermehrten und längeren Dürreperioden unmöglich", sagte Harmeling. Und in Peru könnten Gemeinden im Hochland der Anden nicht mehr mit saisonalem Gletscherwasser für die Landwirtschaft rechnen. Auch dort seien die bitteren Folgen Hunger und Armut.

Gemeinsam warnen das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt und Germanwatch vor den verheerenden Folgen des Klimawandels sowohl für Millionen Küstenbewohner als auch für die Ernährungssicherheit. "Hier findet praktisch ein Großexperiment mit den Meeren und ihren Lebewesen statt", sagte Christoph Bals von Germanwatch.

"Wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt, wären allein in Bangladesch als einem der ärmsten Länder mehr als 30 Millionen Menschen von Überflutung betroffen. Rund um den Globus sind Hunderte Millionen Menschen bedroht", sagte Sabine Minninger, Klimaexpertin von Brot für die Welt.

Hinzu käme eine immense und möglicherweise sehr viel akutere Gefährdung der Welternährung durch die Versauerung der Meere, denn Fisch ist eine der wichtigsten tierischen Proteinquellen in Entwicklungsländern.

Hier geht es zum IPCC-Podcast.