Gentechnik Schöpferische Experimente

Craig Venters Experimente stimulieren gezielt die Vorstellungen von einer künstlichen Schöpfung, doch die bisherigen Laborerfolge sind eher bescheiden.

Von Werner Bartens

Tauscht ein Forscher im Labor die Basenpaare im Erbgut der Ackerschmalwand oder eines anderen Unkrauts aus, ist die Aufregung groß. Schnell ist von Chimären, Monsterwesen und Kreaturen Frankenstein'scher Bauart die Rede.

Von der Antike bis heute ist die europäische Kunst- und Literaturgeschichte reich an bildmächtigen Sagen, Fabeln und Legenden, in denen es von abscheulichen Mischwesen, menschlicher Anmaßung und Sünden wider die Schöpfung nur so wimmelt. Spannend sind diese Geschichten allemal - mit dem aktuellen Stand der Forschung haben die Ängste und Mythen allerdings wenig zu tun.

Craig Venter und andere amerikanische Forscher haben im Labor Genbausteine künstlich hergestellt und in einen Einzeller - eines der primitivsten Lebewesen überhaupt - übertragen. Nicht mehr und nicht weniger. Experimentell ist das ein Fortschritt, schließlich bemühten sich die Wissenschaftler vier Jahre lang vergeblich darum.

Jetzt ist es ihnen gelungen, aber damit haben sie weder ein siebenköpfiges Ungeheuer noch einen Monsterkeim erschaffen. Der Einzeller war übrigens natürlicher Herkunft, nur sein Erbgut wurde durch Gen-Schnipsel aus dem Labor ersetzt.

Befürchtet man nach diesem Erfolg der Biotechnologie, dass bald experimentell zusammengesetzte Tiere im Stall stehen werden oder Menschen aus dem Labor den Planeten bevölkern, könnte man auch jedem Heimwerker zutrauen, aus einem Teller Fischsuppe den Inhalt eines Aquariums auferstehen zu lassen. Die Wissenschaft ist längst noch nicht so weit, Lebewesen nach Maß zu erschaffen und die Bauteile des Lebendigen beliebig zu kombinieren; sie wird es vermutlich auch niemals sein.

Craig Venter, der gute Wissenschaftler und geniale Selbstvermarkter, schafft es allerdings immer wieder, mit provozierenden Wortschöpfungen und Sprachbildern uralte Ängste wie Hoffnungen des Publikums zu stimulieren - und damit nebenbei Geldgeber für seine Projekte zu gewinnen. Venter spricht vom "neuen Design" seiner Labor-Mikroben, als ob sich Aussehen und Eigenschaften von Keimen so einfach verändern ließen wie der Kotflügel eines Autos.

Biologie aus dem Setzkasten

Venter bezeichnet die künstlich hergestellten Gene als Software, die nur die Hardware einer lebenden Zelle benötigen. Damit suggeriert er, dass sein Gen-Mix alle Zellen - und damit potenziell jedes Lebewesen - umprogrammieren und für jeden Dienst verfügbar machen könnte.

Diese Visionen locken Sponsoren an und bedienen biologische Allmachtsfantasien. Man kann sie auch wahlweise als Utopie oder Unsinn bezeichnen. Die bescheidenen Fortschritte der Stammzell-, Gewebe- und Genbastler zeigen, wie schwierig es ist, lebende Zellen, Organe und erst recht Lebewesen zu verändern.

Diese Wissenschaft ist noch immer weit davon entfernt, im Labor maßgeschneidertes Ersatzgewebe für Patienten zu züchten - auch wenn jeder Bericht mit der Aussicht auf die ultimative Therapie gegen Alzheimer, Parkinson, Diabetes oder gar Krebs endet.

Wie fern erscheint da erst ein nach Bedarf verändertes Lebewesen. Mit Mühe gelingt es der Forschung, einige Tierarten im Klon-Verfahren zu kopieren, ohne sie zu verändern. Oft klappt das nicht gut, viele gehen zugrunde oder bleiben anfällig.

Gelingt es Venter eines Tages, dass Algen besser Kohlendioxid abbauen oder Bakterien Appetit auf Vulkanasche bekommen, wäre das ein Erfolg. Aber auch dann sind keine Mensch-Tier-Mischwesen zu befürchten. Venters pompös verkündete "synthetische Biologie" ist eine Biologie aus dem Setzkasten - für Einzeller, Würmer und Mollusken.