Frankreich Panne im Atomkraftwerk Fessenheim war gravierender als gedacht

Bedrohung an der Grenze: der französische Pannenreaktor Fessenheim.

(Foto: Christophe Karaba/dpa)
  • Eine Panne im französischen Atomkraftwerk Fessenheim an der deutschen Grenze im Jahr 2014 war gravierender als gedacht.
  • Der Reaktor ließ sich vorübergehend nicht mehr steuern. Recherchen von SZ und WDR belegen eine Abfolge von technischem Versagen und Chaos.
  • Seit Langem fordern nicht nur die Grünen, sondern auch Bürgerinitiativen in Frankreich und Deutschland, das Atomkraftwerk abzuschalten.
Von Marlene Weiß

Zuerst war es nur etwas Wasser. Am 9. April 2014 um 17 Uhr entdeckten Angestellte im Atomkraftwerk Fessenheim im Elsass Pfützen im Zugang zum Kontrollraum von Reaktor 1; ein Abfluss war verstopft, nachgefülltes Kühlwasser lief über. Dann stellten sie fest, dass auch Wasser in die drei tieferen Gänge gelaufen war. Dort aber standen Schaltschränke, in denen Sicherheitselektronik untergebracht war. Der Elektronik tat das Wasser nicht gut, Alarm wurde ausgelöst. Bis dahin nur ein kleiner Störfall, nichts allzu Ungewöhnliches in Frankreichs ältestem Atommeiler. Aber es war erst der Anfang.

Was dann folgte, ist nach Recherchen von SZ und WDR nicht mehr Routine, sondern eine Abfolge von technischem Versagen und Chaos, die es so in der Region selten gegeben hat. Man kann das in einem Brief mit Fragen und Aufforderungen zu dem Vorfall nachlesen, den die französische Atomaufsicht ASN am 24. April 2014 an den damaligen Chef des Kraftwerks schickte.

Demnach schilderte das Personal den Ablauf folgendermaßen: Zunächst habe man versucht, die Steuerstäbe von Reaktor 1 zu bewegen. Das sind Röhren, die ein Absorptionsmaterial enthalten: Je weiter man sie im Reaktorkern versenkt, desto langsamer läuft die Kernreaktion ab, so kann die Leistung geregelt werden. Diese Steuerstäbe waren aber anscheinend manövrierunfähig - jedenfalls sei der Versuch, sie abzusenken, "nicht schlüssig" verlaufen.

Gleichzeitig wurde festgestellt, dass das Wasser in den Schaltschränken offenbar eines der beiden parallelen Sicherheitssysteme außer Gefecht gesetzt hatte. Das einberufene Krisen-Team entschied darum, den Reaktor abzuschalten. Am Ende wurde der Reaktor per Einleitung von Bor ins Kühlsystem heruntergefahren.

Selbst die Notabschaltung funktionierte nicht reibungslos

Der Vorfall wurde auf der internationalen INES-Skala für nukleare Ereignisse, die von null bis sieben reicht, nur mit Stufe 1 bewertet. Trotzdem macht der Ablauf nachdenklich, wenn man die Details betrachtet - die freilich nicht annähernd aus der knappen Mitteilung der Atomaufsicht hervorgingen, von einer Bor-Notabschaltung war darin nicht die Rede.

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Eigentlich sollte die Atomkommission ihre Arbeit am Montag abschließen - sie streitet sich jedoch noch immer mit den Stromkonzernen.

"Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Leistungsreaktor hier in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste", sagt Manfred Mertins. Er ist seit Jahrzehnten Sachverständiger für Atomkraftwerke, lange war er für die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit tätig, die im Auftrag des Bundes die Sicherheit von AKWs bewertet. "Das Ereignis zeigt, dass die betriebliche Abschaltung nicht mehr möglich war, sodass andere Mittel in Angriff genommen werden mussten."