Forschungsprojekt zum Mitmachen Nachtigall, ick höre dir

Eine Nachtigall beim Singen

(Foto: imago/blickwinkel)
  • Die Bürger Berlins können bald das Treiben der Nachtigall im Stadtgebiet dokumentieren: Mit ihren Ohren, Augen, ein Smartphone und der App Naturblick.
  • Im Mittelpunkt von "Forschungsfall Nachtigall" steht dabei der Gesang des Tierchens.
  • Zusammen mit den geografischen Daten werden Aufnahmen und Muster automatisch auf den Server des Forschungsprojekts hochgeladen.
Von Kathrin Zinkant

Wenn es ein anderes Tier als der Bär sein dürfte, die Nachtigall wäre wohl der Favorit fürs Berliner Wappen. Mindestens 3000 Exemplare des kleinen braunen Vogels verbringen den Sommer im Stadtgebiet, womöglich sogar mehr. Und wenn der Frühling beginnt, meist Anfang April, und die Tiere aus ihren Winterquartieren in Afrika zurückgekehrt sind, geht es los: Auf Sportplätzen, in Plattenbausiedlungen, an Bahnanlagen und natürlich auch in Parks singen die Männchen ihr Lied.

Tag für Tag, als einziger heimischer Singvogel auch nachts, stundenlang - und beeindruckend laut. Die Berliner Nachtigallen sind ein Pech für jene, die ruhig schlafen wollen. Ein Glücksfall aber sind sie für urbane Vogelfreunde und Wissenschaftler, die sich mit dem Verhalten und den Eigenheiten dieses kleinen, äußerlich völlig unscheinbaren Vogels befassen.

In Berlin krabbeln jetzt Krebse über den Asphalt

Er ist rot, hat eine harte Schale und sieht eigentlich ganz lustig aus. Doch für die Stadt wird der Sumpfkrebs allmählich zum Problem. Von Kathrin Zinkant mehr ...

In diesem Jahr können Bürger und Forscher in der Hauptstadt ihre Freude an dem nur 16 Zentimer großen Verwandten des Rotkehlchens sogar teilen: Das Berliner Museum für Naturkunde bereitet derzeit ein Citizen Science Projekt vor, mit dessen Hilfe bislang unerreichte Mengen an Daten über die Nachtigall gesammelt werden sollen, über zwei Jahre hinweg. Im Mittelpunkt von "Forschungsfall Nachtigall" steht dabei der Gesang des Tierchens mit seinen knatternden, knarzenden, flötenden, glucksenden, pfeifenden, zwitschernden, girrenden und all den anderen vielfältigen Lauten, die jeden Hörer verblüffen.

Wobei nicht nur die Vielzahl an lauten Tönen und Geräuschen beeindruckt, die eine Nachtigall produziert. Enorm ist auch die Menge festgelegter Strophen, die ein erwachsenes Männchen aus diesen Lauten zusammensetzen kann. Bis zu 260 sollen es sein, ein gigantisches Repertoire für so ein winziges Gehirn. Forscher konnten zeigen, dass die Fähigkeit zum Singen beim Vogel im gleichen Hirnareal zu Hause ist wie das Sprechen beim Menschen. Tatsächlich muss die Nachtigall all ihre Phrasen genauso lernen wie ein Mensch Worte.

Sie nutzt den Gesang zudem, um Details auszutauschen. So suchen sich Nachtigallenweibchen zur Paarungszeit nicht einfach den Mann aus, der am besten singt, sondern erfahren von ihm etwas darüber, wie er die Kinder großzuziehen gedenkt. Und nicht zuletzt singen Nachtigallen im Duett, und das nicht nur mit Artgenossen. Die britische Cellistin Beatrice Harrison wurde berühmt für ihre Gartenduos mit Nachtigall.

Die verblüffendste These ist, dass der Vogel in Dialekten singt. Ob er also auch berlinert?

Vieles über das Leben und den Gesang der Nachtigall ist jedoch noch unbekannt, und hier kommt das neue Projekt ins Spiel: Nach einem Piloten, der 2016 erstmals Gesangsaufnahmen aus Berlin kartierte, sollen die Bürger dieses Mal umfassend und einheitlich berichten. Ihre Werkzeuge sind Ohren, Augen, ein Smartphone und die App Naturblick. "Wenn wir das Projekt im April starten, wird es ein Update geben, mit dessen Hilfe jeder in der Stadt am Nachtigallenprojekt teilnehmen kann", sagt Silke Voigt-Heucke, die als Verhaltensforscherin der Freien Universität Berlin die Leitung des neuen Projekts übernommen hat.

Das Update soll die Teilnehmer zunächst in die Lage versetzen, Nachtigallen einwandfrei zu identifizieren und ihre Stimme festzuhalten. Der Rest ist dann moderne Informationsverarbeitung. "Die App hat eine automatische Mustererkennung", sagt Voigt-Heucke. Zusammen mit den geografischen Daten werden Aufnahmen und Muster automatisch auf den Server des Projekts hochgeladen. Zusätzlich können die Citizen Scientists weitere Beobachtungen notieren, zum Umfeld, über die Beleuchtung, den Verkehr, was auffällt. Insgesamt erhofft sich das Museum einen Berg neuer Daten, aus dem dann wissenschaftlich geschöpft werden kann.

"Grundsätzlich wollen wir erst einmal wissen, wo die Nachtigall in der Stadt überall vorkommt", sagt Voigt-Heucke. "Wo brütet sie, nistet sie zwischen Gleisen oder doch eher in Parks?" Darüber hinaus wird das Projektteam den Einfluss der städtischen Lichtverschmutzung und des Verkehrs auf den Winzling und seinen Gesang untersuchen. Andere Studien über Singvögel in der Stadt legen bereits nahe, dass Lärm und Licht sich erheblich auswirken können. Die erstaunlichste These aber, die mithilfe der Bürger überprüft werden soll, ist die des Nachtigallendialekts. "Die Strophen der Nachtigall sind so komplex, dass Dialekte hier durchaus eine Rolle spielen können", sagt Voigt-Heucke. Ob die Nachtigall also berlinert?

Für viele Menschen ist sie ein Spiegel von Emotionen und Sehnsüchten

Die Hobbyforscher sollen allerdings nicht nur Daten beschaffen, sondern auch am Auswertungsprozess beteiligt werden. "Wir werden Barcamps organisieren, auf denen dann diskutiert wird", sagt Voigt-Heucke. Werden die Bürger, falls aus dem Projekt eine Publikation hervorgeht, als Autoren genannt? Die Leiterin lacht. "Wenn sich jemand besonders engagiert und viel zum Projekt beiträgt, ist das denkbar. Die Biologin ist sich aber bewusst, dass die Bürgerwissenschaft Grenzen hat. So kann es zwar sein, dass sich viele Menschen beteiligen.

Die Gesangsaufnahmen bleiben dann ein wichtiger Gewinn für die Forschung. "Aber es besteht natürlich die Gefahr, dass unsere Daten zu den Aufenthaltsorten der Nachtigall eher die Begeisterung über das Projekt und diesen kleinen Vogel spiegeln", sagt Voigt-Heucke. Kritiker haben schon oft auf solche möglichen Qualitätsmängel hingewiesen, ausschließen lassen sie sich nicht. Allerdings hat die Citizen Science nicht zuletzt das schlichte Ziel, Bürger für Forschung zu interessieren. Und das könnte ja klappen.

Für jene, die das Datensammeln lieber anderen überlassen, hält das Museum einen kulturellen Teil mit Veranstaltungen bereit, den die Ururenkelin von Charles Darwin, Sarah Darwin, betreut. "Die Nachtigall ist nicht nur ein interessantes Forschungsprojekt für die Naturwissenschaften", sagt Voigt-Heucke. Der kleine Gesangskünstler sei, das zeige die Literatur, auch ein Spiegel für die Emotionen und Sehnsüchte der Menschen. Sehnsucht nach Frühling, zum Beispiel? Im eisigen Berlin ist der noch lange hin, man muss Geduld haben, bis die Nachtigallen aus ihrem Winterquartier zurückkehren. Aber die App kann man ja schon mal installieren.

Solange Ameisen krabbeln, stehen die Bagger still

Die Autobahn im Norden Berlins wird ausgebaut. Für die "Polizei des Waldes" bedeutet das: Sie muss weg. Unterwegs mit einem Ameisen-Umzugsservice. Von Kathrin Zinkant, Berlin mehr...