Folgen des Klimawandels "Viele Inseln sind schon verloren"

"Da stehen Menschen zum Teil bis zu den Knöcheln im Wasser, wenn sie morgens aufstehen", berichten Entwicklungshelfer aus der Südsee, wie hier im Bild in South Tarawa auf Kiribati.

(Foto: Vlad Sokhin)

Bei der Klimakonferenz in Bonn ist Fidschi der Gastgeber. Die Inselstaaten machen Druck für echten Klimaschutz - doch vor allem das Verhalten der USA scheint unberechenbar.

Von Michael Bauchmüller

Die Fidschi-Inseln sind 16 000 Kilometer von Bonn entfernt, aber die Talanoa schafft es dennoch an den Rhein. Talanoa, das ist eine spezifisch pazifische Form des Gesprächs, eine Art freier Gedankenaustausch, der aber trotzdem zu Ergebnissen führt. Wenn Delegierte aus aller Welt kommende Woche in Bonn zusammenkommen, dann zur großen Talanoa. So wollen es die Gastgeber.

Denn nicht etwa die Bundesrepublik lädt nach Bonn, sondern der kleine Inselstaat Fidschi. Erstmals liegt damit der Konferenzort nicht im Land des Ausrichters; die Fidschi-Inseln waren für eine Konferenz dieser Größe schlicht zu klein. Bonn kommt wie gerufen, die Stadt ist schließlich Sitz des UN-Klimasekretariats. Hier lagert die komplette Klimakonferenz-Technik, das macht die Logistik leichter. "Vinaka vakalevu", sagt Fidschis Ministerpräsident Frank Bainimarama da: Vielen Dank.

Das Klima im Fokus

Zur Weltklimakonferenz in Bonn treffen sich vom 6. bis 17. November Delegierte aus 196 Staaten sowie Vertreter von rund 500 Nichtregierungsorganisationen und mehr als tausend Journalisten - insgesamt sind es 25 000 Teilnehmer. Es handelt sich um eine der größten internationalen Konferenzen, die je in Deutschland stattgefunden hat. Auf dem Treffen soll die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015 weiter verhandelt werden. Herauskommen soll möglichst ein sogenanntes Regelbuch, das bei der nächsten UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz Ende 2018 verabschiedet werden soll. Den Vorsitz führt der pazifische Inselstaat Fidschi, der besonders stark vom Anstieg der Meeresspiegel betroffen ist. Weil aber der Kleinstaat eine solche Konferenz nicht ausrichten kann, findet sie am Sitz des Sekretariats der UN-Klimarahmenkonvention statt - und der ist in Bonn. Daher fungiert Deutschland auch als "technischer Gastgeber". Im Bundeshaushalt sind für die Konferenz Mittel in Höhe von 117 Millionen Euro eingeplant. SZ

Denn erstmals hat damit ein kleiner Inselstaat die Chance, einer Weltklimakonferenz seinen Stempel aufzudrücken - und damit ein Land, das wie wenige andere die Erderwärmung zu spüren bekommt. Wenn Gletscher schmelzen und Meeresspiegel ansteigen, dann verschwinden kleine Inseln zuerst. Ono beispielsweise, eine Insel nördlich der Hauptinsel, hat sich schon um 15 Meter Strand verkleinert. "Da stehen Menschen in ihren Wohnzimmern zum Teil bis zu den Knöcheln im Wasser, wenn sie morgens aufstehen", sagt Wulf Killmann, Entwicklungshelfer der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Die große Frage: Wie verhalten sich die USA?

Ein ganzes Dorf soll deshalb umgesiedelt werden. Bei insgesamt 106 bewohnten Inseln dürfte das erst der Anfang sein, die Regierung arbeitet bereits an einem Umsiedlungsplan, der auf der Konferenz in Bonn vorgestellt werden soll. "Viele Inseln sind schon verloren", sagt Deo Saran, Fidschis Sondergesandter für den Klimaschutz. Den gut 1200 Kilometer entfernten Nachbarn in Samoa hat seine Regierung sogar schon Klimaasyl angeboten: Dort sind die Auswirkungen noch spürbarer als auf den Fidschi-Inseln. "Unser Überleben hängt von einer gemeinsamen Leistung aller Staaten ab", sagt Saran. "Für uns ist sehr wichtig, dass alle an Bord bleiben."

Das aber ist die große Frage der Konferenz. Erstmals nachdem US-Präsident Donald Trump im Sommer den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt hat, treffen die Staaten wieder zusammen. Keiner weiß, wie sich die USA dort verhalten werden. Formal können sie noch bis November 2019 mitverhandeln, erst dann endet jene Frist, ab der ein Staat seinen Austritt erklären kann. Wie aber werden sie die Zeit nutzen? "Im Augenblick gibt es da bei vielen Verhandlern große Unsicherheit", sagt Susanne Dröge, die für die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) die internationale Klimapolitik analysiert. "Wenn die USA keine Steine in den Weg rollen, wäre schon viel gewonnen."

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Gelegenheiten dafür gibt es genügend. Denn das Treffen in Bonn wird zwar nicht der Ort großer, bahnbrechender Beschlüsse - aber vieler wichtiger Einzelentscheidungen. Denn als sich die Staaten vor zwei Jahren auf das epochale Klimaabkommen von Paris einigten, da legten sie vor allem die wesentlichen Eckpunkte fest. Erstmals bekannten sich wirklich alle Staaten dazu, dass sie für den Klimaschutz etwas tun müssen. Jeder einzelne Staat muss dafür alle paar Jahre einen konkreten Beitrag benennen, den größten jeweils die Industrieländer. Auch das Fernziel legten alle Ländervertreter gemeinsam fest: Um höchstens zwei Grad Celsius soll sich die Erde erwärmen, nach Möglichkeit aber nur um 1,5 Grad. Das verlangt eine Vollbremsung bei den Emissionen der klimaschädlichen Treibhausgase, ergo bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle, Öl oder Gas. So will es das Abkommen.

Die Frage wird sein, wie sich die Verursacher des Klimawandels an den Folgekosten beteiligen

Wie sich all das aber konkret erreichen lässt, das blieb in Paris offen. Zum Beispiel die Vertrauensfrage: Wenn sich alle Staaten am Klimaschutz beteiligen sollen, dann müssen sie sicher sein können, dass der Rest der Welt nicht nur redet, sondern auch handelt. Sprich: Es muss gewährleistet sein, dass die schönen Ziele einzelner Staaten auch eingehalten werden - und tatsächlich etwas für den Klimaschutz bringen. Dazu braucht es Methoden, mit denen sich der Klimaschutz messen und verifizieren lässt; und das möglichst unabhängig.

Damit steht und fällt aber der Erfolg des ganzen Abkommens. Der Vertrag verlangt ein regelmäßiges global stocktaking, eine Art globalen Klima-Kassensturz: den ersten im Jahr 2023. Damit sich die Staaten bis dahin nicht ausruhen, soll es allerdings schon im Jahr 2018 eine Art Zwischenbilanz geben. Jeder Staat müsste dann darlegen, wie weit er in den vergangenen Jahren gekommen ist. Bevor das Abkommen von Paris im Jahr 2020 zu wirken beginnt, sollen die Länder so noch einmal Gelegenheit bekommen, nachzulegen. Für all das aber braucht es Vorbereitungen - zu treffen auf der Konferenz in Bonn. "Vieles davon klingt nach Klein-Klein", sagt SWP-Expertin Dröge. "Es ist aber essenziell, damit so ein internationaler Prozess funktionieren kann." Letztlich müsse die Konferenz in Bonn nicht weniger als das Betriebssystem für das Paris-Abkommen programmieren, das Regelwerk vorbereiten.

Verabschiedet werden soll dieses Regelwerk im kommenden Jahr, bei der nächsten großen Klimakonferenz im polnischen Kattowitz. Aber schon das ist Anreiz, jetzt möglichst viele Pflöcke einzuschlagen: Eine Klimakonferenz im Herzen des schlesischen Kohlereviers verspricht nicht unbedingt die größten Durchbrüche.

Auch Fidschi selbst hat daran größtes Interesse. Seit jeher sind es die kleinen Inselstaaten, die am stärksten auf echten Klimaschutz pochen - und auf Schadenersatz, sollte er nicht reichen. Deshalb wird auch in Bonn eine wichtige Rolle spielen, wie die Verursacher des Klimawandels sich an dessen Kosten beteiligen, an all den Schäden, verlorenen Inseln, umzusiedelnden Dörfern. Bei der Erderwärmung fordern die Inselstaaten ein Maximum von 1,5 statt zwei Grad Celsius, und mit ihren vom Meeresspiegel bedrängten Archipelen fungieren sie gleichsam als moralischer Pranger der industrialisierten Welt. Schon deshalb hat eine Talanoa im industriellen Mitteleuropa einige Symbolkraft.

Als der Inselstaat kürzlich Verhandler aus aller Welt zu einer Vorkonferenz eingeladen hatte, standen auch Exkursionen auf dem Programm, zu Hotspots des Klimawandels. Ministerpräsident Bainimarama war zufrieden damit. "Ich bin sicher, viele verstehen jetzt besser, worum es geht."

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