Fahnenmeere zur EM "Party-Patriotismus ist Nationalismus"

Deutsche Fans verwandeln seit der WM 2006 internationale Sport- und Musikwettbewerbe in schwarz-rot-goldene Jubelfeiern. Politiker begrüßen die Meere von Nationalflaggen als Zeichen eines harmlosen und unverkrampften Patriotismus. Sozialwissenschaftler halten das für eine gefährliche Fehleinschätzung.

Von Markus C. Schulte von Drach

"Sieg, Sieg!" Als diese Rufe deutscher Fans ausgerechnet durch das Stadion von Lemberg in der Ukraine hallten, wurde es vielen Zuschauern unheimlich. Als noch dazu die Reichskriegsflagge auftauchte, kritisierten das auch viele Menschen in Deutschland. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zeigte sich betroffen: "Als deutscher Patriot schäme ich mich, wie diese Leute unser Ansehen in Europa und der Welt versuchen zu beschädigen."

Ganz anders schätzen viele deutsche Politiker jene Anhänger der Nationalmannschaft ein, die lediglich schwarz-rot-goldene Farben tragen, Deutschlandfahnen schwenken und ihre Begeisterung in Autokorsos zum Ausdruck bringen. Das zeigt etwa der Abschlussbericht der Bundesregierung zur WM 2006, in dem diese Fans als Vertreter eines harmlosen, gutgelaunten, weltoffenen Patriotismus beschrieben werden, der selbst im Ausland ausdrücklich begrüßt wurde. Und selbst die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast, sah in der nationalen Begeisterung der Deutschen ein positives Zeichen.

Alle zwei Jahre sind die nationalen Insignien nun nicht mehr nur in den Stadien zu sehen. Die Fans tauchen Public-Viewing-Veranstaltungen in Fahnenmeere, Autofahrer demonstrieren ihre Anhängerschaft mit Fähnchen und Spiegelüberzügen, Gärten und Häuserfronten sind mit Flaggen geschmückt, Schaufenster werden dekoriert in den Nationalfarben. Ganz so "schwarz-rot-geil" wie während der WM vor sechs Jahren ist Deutschland zwar nicht - dafür sind die nationalen Insignien nun auch zwischen den sportlichen Großveranstaltungen nicht mehr tabu. In vielen Vorgärten hängen Deutschlandfahnen inzwischen das ganze Jahr über. Und niemand stört sich mehr daran.

Niemand? Das stimmt so nicht. Wie bereits während der WM 2010 kritisiert der Bundesverband der Grünen Jugend die Verbreitung der Fahnen. Die Nachwuchspolitiker der Grünen bieten erneut ihren "Patriotismus? Nein danke"-Aufkleber an, zu beziehen über das Internet. Der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, und seine Stellvertreterin Dorothee Bär, reagierten umgehend: Die deutsche Flagge sei doch ein "Symbol der nationalen Identität", mit ihr würde die "Verbundenheit zu unserem Vaterland" ausgedrückt. Und "es gibt viele Gründe, stolz auf unser Vaterland zu sein". In manchen Medien wurden die jungen Grünen sofort als Antideutsche ausgemacht, die dem Patriotismus den Krieg erklärt haben.

Harmloser Stolz auf das Vaterland?

Deutsche Fahnen bei Sportereignissen, Party-Patrioten, Stolz aufs Vaterland - ist das alles tatsächlich völlig harmlos? Haben die Deutschen endlich, nach langen Jahren historisch begründeter Verkrampfung, ein, wie etliche Politiker und Journalisten immer wieder betonten, "unverkrampftes Verhältnis" zu ihrem Vaterland entwickelt?

Tatsache ist, dass der Begriff Patriotismus von vielen Menschen hartnäckig falsch verwendet wird - jedenfalls aus Sicht jener Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen. "Der Kern des Patriotismus ist, genau wie beim Nationalismus, die Identifikation mit seinem Land", sagt Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. "Der Patriot ist außerdem stolz auf die Demokratie und auf die sozialen Errungenschaften in seinem Land, ohne dass er das mit anderen Ländern vergleicht. Der Nationalist dagegen vergleicht sein Land immer mit anderen Nationen. Er ist stolz, Deutscher zu sein, und er ist stolz auf die deutsche Geschichte." In diesem Sinne hatte der frühere Bundespräsident Johannes Rau den wichtigsten Unterschied wohl auf den Punkt gebracht, als er sagte: "Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet."

Wissenschaftlern um Ulrich Wagner und Julia Becker von der Universität Marburg ist es gelungen, empirisch zu belegen, dass sich diese Konzepte tatsächlich trennen lassen. Und was noch wichtiger ist: Sie konnten darüber hinaus zeigen, dass Nationalismus tatsächlich einhergeht mit Fremdenfeindlichkeit, während Patrioten diese Tendenz eher nicht zeigen (European Sociological Review, Bd.28, S.319-332, 2012). Haben sich Politiker wie der damalige Präsident Horst Köhler 2006 also zu Recht über den "Patriotismus" der deutschen Fans gefreut? Hatte sich hier gerade die weltoffene Haltung der Bundesbürger gezeigt?

Leider kann man das so nicht sagen. Die Marburger Forscher stellten nämlich fest, dass es darauf ankommt, wie wichtig einem Patrioten die demokratischen Prinzipien sind. Je stärker er diese betont, desto geringer ist seine Fremdenfeindlichkeit.

"Die Identifikation mit dem Land spielt bei diesen Patrioten keine so wichtige Rolle", sagt Wagner. "Wenn sie aber hochgekocht wird, dann kommt es auch bei Patrioten zu dem gleichen negativen Effekt wie beim Nationalisten." Dazu belegt eine Studie, die Wagner gemeinsam mit anderen Forschern bereits 2006 veröffentlicht hat, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland nach der WM nicht geringer war als zuvor. Der Nationalismus hatte sogar leicht zugenommen. "Vielleicht war die Welt während der Weltmeisterschaft tatsächlich zu Gast bei Freunden, wie es hieß", kommentiert Wilhelm Heitmeyer, einer der Ko-Autoren, die Ergebnisse. "Aber danach war es damit wieder vorbei."