Evolution Drei Zimmer, Küche, Grab

(Foto: Eyal Bartov)

Im Norden Israels könnten sich vor 55 000 Jahren Mensch und Neandertaler zum ersten Mal begegnet sein. Feuerstellen, ein Schädelknochen und viel Fantasie beflügeln diese Theorie. Ein Besuch in der Höhle von Manot.

Reportage von Hanno Charisius

Von der Bundesstraße Richtung Galiläa geht es rechts ab, eine steile Rampe hoch, hinauf auf einen Hügel. Oben liegt die schicke Neubausiedlung Manot, Nordisrael, gut 50 Kilometer westlich der Golanhöhen, nördlich in Blickweite Libanon. Hier stehen nur ein paar Einfamilienhäuser, Familienautos vor den Türen. Der Blick nach Südosten zeigt bewaldete Hügel, in der Ferne meint man schon das Mittelmeer zu sehen, von Haifa braucht man mit dem Auto gut 40 Minuten.

Hinter den letzten Häusern endet der Asphalt und auf steinigem Lehmboden geht es weiter. Der Pfad führt vorbei an Büschen und knorrige Bäumen. Hier also soll es passiert sein. Hier sollen Neandertaler und moderner Mensch einander zum ersten Mal begegnet sein vor etwa 55 000 Jahren, wahrscheinlich sogar gemeinsame Kinder gehabt haben. Davon ist zumindest Israel Hershkovitz überzeugt.

"Wir sagen nicht, dass sie Sex hatten", erklärt der Anthropologe von der Universität in Tel Aviv. "Wir wissen ja nicht, ob es einvernehmlich geschah." Vielleicht war es eine brutale Machtdemonstration. "Deshalb sprechen wir lediglich davon, dass sich Mensch und Neandertaler hier miteinander gekreuzt haben."

Die Datierung des Schädels ergab, dass der Mensch vor 54 700 Jahren auf den Hügeln gelebt haben muss

Dass es dazu kam, dafür sprechen Erbanlagen im Genom der heutigen Menschen, die eindeutig vom Neandertaler stammen. Das haben Vergleiche zwischen menschlicher und in fossilen Neandertalerknochen konservierter DNA gezeigt. Dass dies genau hier passiert sein soll, dafür spricht die Schädeldecke eines Menschen, die hier vor sieben Jahren gefunden wurde. Die Datierung ergab, dass der Mensch wohl vor 54 700 Jahren auf den Hügeln gelebt haben muss. Zu dieser Zeit lebten auch Neandertaler in der Nachbarschaft. Das belegen Fossilienfunde aus anderen Höhlen unweit von Manot.

Die Schädeldecke ist der bislang älteste bekannte Menschenknochen außerhalb Afrikas. Der Fund bestätigt eine alte Hypothese, nach der sich Homo sapiens vor etwa 70 000 Jahren in Ostafrika auf den Weg gemacht hatte, um die Welt zu erobern. Dort wo heute Manot liegt, stieß er womöglich zum ersten Mal auf eine andere Menschenart, Homo neanderthalensis, die aus dem Norden gekommen war. "Damals gab es vermutlich etwa 3000 Frühmenschen auf der Welt", sagt Hershkovitz.

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"Überlegen Sie mal, Sie sitzen auf ihrer Terrasse, und plötzlich steht ein Mensch vor ihnen, den sie noch nie zuvor gesehen haben. Was muss das für ein Gefühl gewesen sein zu merken, dass sie nicht alleine waren auf der Welt." So stellt sich Hershkovitz den ersten Kontakt vor. Wie friedlich der verlief lässt viel Raum für Spekulation.

"Der Schädel lag da, als hätte er auf uns gewartet"

Der Grund, warum diese Begegnung ausgerechnet hier stattgefunden haben soll, liegt einige Meter unterhalb von Manot. Als ein Bulldozer 2008 seinen Räumschild ansetzte, um Land für weitere Bauvorhaben zu planieren, brach plötzlich der Boden ein und ein schwarzes Loch tat sich unter dem Werkzeug auf. Kurz darauf seilten sich ein paar Hobbyspeläologen in die Tiefe ab und brachten einen grausigen Fund zurück ans Tageslicht: den oberen Teil eines menschlichen Schädels, der dort unten auf einem Tropfsteinsims gelegen hatte.

"Als hätte er auf uns gewartet", sagt Hershkovitz. Daraufhin erkundeten Profis von der Israelischen Antiquities Authority (IAA) die Karsthöhle, die sich gut 80 Meter in den Hügel von Manot erstreckt und dabei ein Gefälle von 20 bis 30 Metern hat. Sauerstoffmangel machte den Forschern zu schaffen, und so dauerte die erste Erkundung gerade einmal einen Tag.

Doch war ihnen sofort klar, dass sie eine prähistorische Behausung entdeckt hatten, die über einen langen Zeitraum bewohnt wurde. Sie fanden weitere Knochen von Menschen und Tieren, Feuerreste, Steinwerkzeuge und zwei mögliche Eingänge im oberen Bereich der Höhle. Damit stand für die Schutzbehörde israelischer Altertümer fest, dass in den kommenden Jahren große Grabungskampagnen starten sollten.