Evolution des Menschen Das Schicksal der letzten Neandertaler

Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Steinzeitmensch seinen Verwandten vor 40.000 Jahren mit seiner Überzahl einfach verdrängt hat oder dass sich die Neandertaler den Einwanderern angeschlossen haben. Ausgerottet wurden die Neandertaler vom Homo sapiens aber offenbar nicht.

Von Hubert Filser

Es schien alles so gut ins Bild zu passen. Ausgerechnet am südlichen Ende Europas fanden sich die letzten Spuren der Neandertaler. In die Gorham's Höhle von Gibraltar hatte sich wohl der letzte Clan dieser Menschenart zurückgezogen. Heute branden die Wellen des Mittelmeers unter dem Höhleneingang ans Ufer.

Der Neandertaler war vielleicht zu unflexibel, um dauerhaft neben dem modernen Menschen bestehen zu können.

(Foto: dpa)

Vor 28.000 Jahren lag der Meeresspiegel hundert Meter tiefer. Damals lebten hier, im milden Klima Südeuropas, die letzten Neandertaler. Auf den Feldern wuchsen Olivenbäume, durch die locker bewaldete Küstenlandschaft zogen Rothirsche, Bergziegen und Wildrinder. Diese Tiere jagte der Neandertaler, aber auch Muscheln und Schnecken aß er. Bis in den hintersten Winkel Europas hatte der moderne Mensch seinen nächsten Verwandten getrieben, so das Bild. Überall sonst hatte ihn der überlegene Homo sapiens bereits ausgerottet.

Doch immer mehr Studien zeigen, dass diese Vorstellung kaum noch zu halten ist. Nach Schätzungen von Forschern des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie war Europa, das Kerngebiet der Neandertaler, vor 40.000 Jahren extrem dünn besiedelt. Maximal 10.000 Menschen lebten auf dem Kontinent, hat die Gruppe um Adrian Briggs anhand von Genanalysen ermittelt.

Das entspräche einem Menschen auf rund 1000 Quadratkilometern. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ständig Konflikte zwischen den Immigranten, den modernen Menschen, und den Neandertalern gab, ist also statistisch gering.

Eine neue Arbeit des britischen Anthropologen Paul Mellars stützt diese Zweifel (Science, Bd. 333, S. 623, 2011). Demnach hat sich vor 40.000 Jahren die Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit auf etwa 100.000 Menschen verzehnfacht. Der Anstieg sei eindeutig dem immigrierenden Homo sapiens zuzuschreiben, meint Mellars. Der Neandertaler als eigene Menschenart war nicht überlebensfähig, dafür war die Population zu klein und zu empfindlich gegenüber Klimaschwankungen. Eine drastische Abkühlung vor 40.000 Jahren machte ihm zu schaffen.

Die Fortpflanzungsrate mit einem Kind pro Frau alle vier Jahre lag sehr niedrig; Homo-sapiens-Frauen konnten jährlich ein Kind zur Welt bringen. Zudem erforderte das 200 Kubikzentimeter größere Gehirn der Neandertaler mehr Energie. Homo sapiens konnte insgesamt flexibler auf radikale Umweltveränderungen reagieren.

Für seine Untersuchungen wählte Mellars eine 75.000 Quadratkilometer große Region im Südwesten Frankreichs. Im Gebiet rund um die Dordogne mit ihren zahlreichen Kalksteinhöhlen gibt es europaweit die meisten Neandertaler- und Homo-sapiens-Fundstellen. Mellars wertete zahlreiche Details aus, zum Beispiel wie viele Steinwerkzeuge sich pro Quadratmeter fanden, wie viele abgeschabte Tierknochen die Bewohner zurückgelassen hatten und wie groß der Anteil der bewohnten Fläche in den Höhlen war - ein Indiz für die Zahl der Bewohner.

Vor allem die Zeit vor 40.000 Jahren, als der moderne Mensch auftauchte, ist entscheidend. Zu diesem Zeitpunkt fand der Übergang zwischen der Mittel- und Jungsteinzeit statt, die sich jeweils durch spezielle Werkzeugtechniken auszeichnen.

Mellars zufolge hat sich in dieser Übergangszeit die bewohnte Fläche pro Höhle von durchschnittlich 250 Quadratmeter auf mindestens 500 bis 600 Quadratmeter mehr als verdoppelt. Die Anzahl der Fundstellen habe sich um den Faktor 2,5 erhöht und die Häufigkeit der Nutzung um den Faktor 1,8.