Erderwärmung Der Mythos von der Klimawandel-Pause

Bis vor Kurzem fehlten vor allem Temperatur-Messungen aus der Arktis. Die Mängel bei den Daten wurden in den vergangenen Jahren abgestellt.

(Foto: Mario Tama/AFP)
  • Lange wurde diskutiert, ob die globale Erwärmung zwischen 1998 und 2012 eine Pause gemacht hat. Dies galt Kritikern als Argument, dass die Modelle von Klimaforschern nicht stimmen.
  • Im Fachblatt Nature zeigen Wissenschaftler der ETH Zürich nun, dass es keine Unterbrechung des Klimawandels gab.
  • Die Diskrepanzen zwischen einzelnen Beobachtungen und den Klimamodellen begründen sie damit, dass lange Zeit wichtige Messdaten fehlten, zum Beispiel aus der Arktis.
Von Christopher Schrader

Die Erwärmung der Erde verläuft weiterhin so, wie es den Berechnungen der Klimaforschung entspricht. Weder der schnelle Anstieg der Temperaturen in den 1990er-Jahren, noch die vermeintliche Pause zwischen 1998 und 2012, noch die drei Rekordjahre 2014 bis 2016 stellen die Vorhersagen der Wissenschaft in Frage. Besonders die Entwicklung im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts hat Forscher lange in Atem gehalten: Eine Reihe von Messdaten zeigte zunächst sogar eine kleine Abkühlung, andere eine gebremste Erwärmung.

Die Computersimulationen, die langfristige Trends berechnen, gaben solche kurzfristigen Ausschläge nicht korrekt wieder. Neue Studien überbrücken nun die scheinbaren Differenzen. "Es gibt jetzt exzellente Übereinstimmung zwischen Daten und Modellen", stellt ein Team um Iselin Medhaug von der ETH Zürich fest (Nature, online).

"Das war nicht das letzte Mal, dass uns Wetter und Klima überraschen."

Die Schweizer Wissenschaftler tragen zusammen, wie sich die Lücke schließen lässt. Zum einen brauchen Klimasimulationen, die bis ins Jahr 2100 blicken, genaue Informationen über aktuelle natürliche Einflüsse auf das Klima: Vulkanausbrüche zum Beispiel oder leichte Schwankungen der Sonnenaktivität. Daneben sind Informationen über zufällig auftretende Variationen wie das El-Niño-Phänomen nötig. Zum anderen fehlten in den Daten der globalen Temperaturen vor allem Messungen aus der Arktis. Die Mängel haben der britische Wetterdienst Met-Office und die amerikanische Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA in den vergangenen Jahren abgestellt. Dabei zeigten die Forscher, dass von einer Abkühlung zwischen 1998 und 2012 keine Rede sein kann, höchstens von einer leicht gebremsten Erwärmung.

Mehr als 180 Forschungsarbeiten haben sich mit der vermeintlichen Pause der globalen Erwärmung befasst. Zuletzt waren viele zur Erkenntnis gekommen, dass es diese eigentlich gar nicht gab. So argumentieren neben der Zürcher Arbeitsgruppe auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und amerikanische Kollegen (Environmental Research Letters, online). "Es bestätigt sich, was wir von vornherein gesagt haben: dass es sich einfach nur um eine natürliche Schwankung gehandelt hat, wie es sie immer gab und weiterhin geben wird", sagt der Potsdamer Physiker. Als er vor zehn Jahren über eine Erwärmung berichtete, die über den Annahmen der Klimamodelle lag, habe danach "kein Hahn gekräht". Das sei auch richtig so, und genauso wenig solle man aus den jüngsten Rekordjahren voreilige Schlüsse ziehen.

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Jahrelang ist aber genau das Gegenteil passiert: Gegner einer ambitionierten Klimaschutz-Politik hatten mit Verweis auf die vermeintliche Erwärmungspause den Klimawandel für beendet und die Wissenschaft für widerlegt erklärt. Das konnten die Fachleute nicht auf sich sitzen lassen. Sie seien jedoch ihren Kritikern auf den Leim gegangen, klagt die Wissenschafts-Historikerin Naomi Oreskes von der Harvard University, und hätten die polemischen Vokabeln der Gegner als Fachbegriffe geadelt. Andere Experten widersprechen. "Das gab uns die Gelegenheit, über natürliche Variationen im Klimasystem zu sprechen, ohne dass man uns angähnt", sagte Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Die Zürcher Forscher hoffen unterdessen, dass die gründliche Aufklärung aller vermeintlichen Diskrepanzen über den konkreten Fall hinaus wirkt. Beim nächsten unerwarteten Phänomen möge die Diskussion bitte rationaler und ruhiger verlaufen. Ob das klappt, ist fraglich, doch Iselin Medhaug sagt: "Das war nicht das letzte Mal, dass uns Wetter und Klima überraschen."

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