Erdbebenrisiko im Himalaya Warnung vor dem großen Knall

Nur die Vororte Kathmandus ragen auf diesem Bild über die Wolken. Die Hauptstadt Nepals hat bei dem Erdbeben am Wochenende schwere Zerstörungen erlitten.

(Foto: Prakash Mathema/AFP)

Im Norden Indiens gab es das letzte Mal im Jahr 1505 ein großes Erdbeben. Doch schon seit Jahren halten manche Seismologen die Region im Himalaya für stark gefährdet. Jetzt scheinen sich ihre Prognosen bewahrheitet zu haben.

Im März erschien im US-Wissenschaftsmagazin Science ein Artikel, in dem Experten von der Gefahr eines großen Bebens in der Himalaya-Region warnten. Berechnungen, nach denen sich die seismologische Spannung bei einem großen Beben vor 500 Jahren bereits abgebaut habe, seien von falschen Annahmen ausgegangen. Die These, dass in naher Zukunft nicht mit größeren Erdstößen zu rechnen sei, sei deshalb nicht haltbar. Angesichts des jüngsten verheerenden Erdbebens in Nepal scheinen sich die Prognosen der Forscher jetzt bestätigt zu haben. SZ.de dokumentiert den Artikel hier in deutscher Übersetzung.

Von Priyanka Pulla, Science

Im Zentrum des Himalaja-Gebirges ist es seit langem verdächtig ruhig. Mit Sorge blicken Seismologen jedoch auf einen 600 Kilometer langen Abschnitt des Bergmassivs. Die Region nordöstlich der indischen Hauptstadt Delhi liegt über mehreren großen Erdspalten. Seit Erdstößen im Jahr 1505 ist in dieser "seismischen Lücke" vermutlich nichts mehr passiert. Sollte sich der Untergrund wieder regen, könnte es in Städten wie Kathmandu und Delhi Hunderttausende Tote geben.

Vor gut einem Jahrzehnt hatte ein Team von Seismologen behutsam Entwarnung gegeben: Die Erdstöße von 1505 hätten so viel Spannung abgebaut, dass zunächst nicht mit weiteren großen Beben zu rechnen sei. Weitere Forscher hatten die Analyse gestützt. Doch neuere Erkenntnisse wecken nun Zweifel an der beruhigenden Botschaft. Das Ereignis 1505 sei womöglich nicht nur schwächer gewesen als bislang angenommen, sondern auch Teil einer über Jahrhunderte hinweg unregelmäßig auftretenden Serie von Beben. Die Spannung ist womöglich noch nicht entladen. Setzt sich die neue Ansicht durch, müssten Alarmpläne überarbeitet werden: Es wäre in der Region mit einem schweren Erdbeben zu rechnen, jederzeit und überall.

Es war im Jahr 2003, als der inzwischen verstorbene griechische Geologe Nicholas Ambraseys zusammen mit Roger Bilham von der University of Colorado in Boulder die historischen Quellen zum Erdbeben vom 6. Juni 1505 auswertete. Aufzeichnungen aus Tibet und die "Akbarnama", die Herrscherchronik der Mogul-Kaiser, berichteten von den Schäden. Unter anderem hatten massive Mauern tibetischer Klöster, die 700 Kilometer von einander entfernt lagen, den Erdstößen nicht standgehalten.

Holzkohle in Erdspalten erlaubt, die Beben zu datieren - aber die Zuordnung ist bisweilen schwierig

So schätzten die beiden Wissenschaftler die Stärke des Bebens (die Magnitude) nachträglich auf 8,2. Es wäre damit deutlich stärker gewesen als die Erdstöße 2005 in Pakistan oder 2008 in Sichuan im Osten Chinas, bei denen jeweils mehr als 80 000 Menschen zu Tode kamen.

Im Jahr 2006 entdeckte der Geologe Senthil Kumar, der damals an der University of Nevada in Reno arbeitete, Spuren des 500 Jahre alten Bebens im Erdreich. Sein Team hatte seinerzeit sechs Gräben ausgehoben und fand Erdspalten, die bei Beben entstanden und dann wieder verschüttet worden waren. Darin lagen Reste von Holzkohle, die sich mit der Radiocarbon-Methode datieren ließen.

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Die Messergebnisse verwiesen auf einen Zeitraum zwischen 1400 und 1422, in dem es laut historischen Aufzeichnungen aber überhaupt keine Erdbeben in der Region gab. Weil die Datierungsmethode fehleranfällig ist, vermuteten Kumar und seine Kollegen, Spuren des großen tibetischen Bebens aus dem Jahr 1505 gefunden zu haben. sein.

Gegen diese Indizienkette ist inzwischen Widerspruch laut geworden. Die historisch dokumentierten Schäden an den Klöstern zum Beispiel seien womöglich überbewertet worden, sagt Chittenipattu Rajendran, ein Paläoseismologe vom Jawaharlal Nehru Centre for Advanced Scientific Research in Bangalore. Die Mauern wurden im Mittelalter aus behauenen Steinen ohne Mörtel errichtet, sagt er; sie seien schon bei mittleren Erdbeben anfällig. "Es ist darum nicht realistisch, die Schäden als Hinweis auf die Magnitude zu verwenden." Es gebe zudem keine historischen Belege für größere Schäden in indischen Städten wie Delhi oder Agra.

Um frische Daten zu sammeln, hob Rajendran mit seinem Team neue Gräben in der Nähe von Ramnagar im nördlichen Bundesstaat Uttarakhand aus, wo auch Kumar Jahre zuvor den Boden erkundet hatte. Das Team aus Bangalore hatte Glück, es fand sogenannte Kolluvial-Keile - die geologische Signatur von Erdbeben, welche die Oberfläche der Erde aufgerissen haben. Der Riss verlagert Sedimente, erzeugt für kurze Zeit eine Böschung, die dann zusammenbröckelt. Das Material darin war allerdings nicht nur einmal aufgerissen worden, sondern zweimal, zeigten die Untersuchungen der Wissenschaftler. Und Radiocarbon-Messungen verwiesen auf historisch verbürgte Beben in den Jahren 1255 und 1344 (Journal of Geophysical Research: Solid Earth, online). Was Rajendran hingegen nicht fand, waren Hinweise auf spätere, viel stärkere Erdstöße.

(Foto: SZ-Karte)