Die Büste der Nofretete Streit um die Pharaonin

Die Büste der Nofretete wurde von deutschen Archäologen 1912 nach Berlin geschickt. Nun fordert sie Ägyptens Ministerpräsident zurück - behauptet das ägyptische Kulturministerium. In Berlin will man davon nichts wissen.

Die Pharaonin Nofretete steht für das alte Ägypten wie die Pyramiden - doch im Gegensatz zu den riesigen Bauwerken konnten deutsche Archäologen ihre Büste nach Deutschland schicken, nachdem sie sie 1912 ausgegraben hatten. 1924 wurde das 50 Zentimeter hohe Kunstwerk erstmals in Berlin öffentlich ausgestellt.

Erneut fordert Ägyptens Chefarchäologe Zahi Hawass die Büste der Pharaonin Nofretete zurück. Das Kunstwerk befindet sich in Berlin.

(Foto: Getty Images)

Seitdem lockt Nofretete jedes Jahr Tausende Besucher in die Museen. Derzeit ist das Porträt der Ehefrau des Pharaos Echnaton im Berliner Neuen Museum die Hauptattraktion der Ägypten-Schau.

Und nun fordert Ägypten sie angeblich zurück. Wieder einmal. Ein entsprechender Brief sei von Ägyptens Ministerpräsident Ahmed Nazif unterzeichnet worden, gab das ägyptische Kulturministerium bekannt.

In Deutschland sieht man das anders: Ein offizielles Ersuchen Ägyptens über die Rückgabe der Nofretete sei Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) nicht bekannt, sagte sein Sprecher Hagen Philipp Wolf.

Es gebe zwar ein Schreiben vom 2. Januar, adressiert an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es trage die Unterschrift des ägyptischen Chefarchäologen und stellvertretenden Kulturministers Zahi Hawass, sagte Wolf. Die darin formulierte Bitte um Rückgabe der Nofretete hätten aber weder der ägyptische Ministerpräsident noch andere Regierungsmitglieder unterzeichnet.

Hawass hatte bereits in der Vergangenheit immer wieder die Rückgabe der berühmten 3500 Jahre alten Gipsbüste gefordert. "In der Sachlage gibt es nichts Neues", betonte Neumanns Sprecher Wolf. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bestätigte den Brief aus Ägypten. "Das Schreiben ist nicht vom Ministerpräsidenten unterzeichnet", teilte Parzinger mit.

Der damalige preußische Staat sei bei den Ausgrabungen in Ägypten Anfang des 20. Jahrhunderts durch sogenannte Fundteilung zum rechtmäßigen Eigentümer der Nofretete geworden. "Aus unserer Sicht gibt es deshalb keinen Rechtsanspruch von Seiten Ägyptens auf diese Büste", sagte er.

Die Stiftung werde das jüngste Schreiben von Hawass in Abstimmung mit der Bundesregierung beantworten, ergänzte Wolf. Die Haltung der Stiftung zu Nofretete sei unverändert, betonte Parzinger. "Sie ist und bleibt die beste Botschafterin Ägyptens in Berlin." Außerdem soll sie zu brüchig sein für einen Transport. Die Stiftung habe großes Interesse an einer guten Kooperation mit den ägyptischen Fachleuten.

Chefarchäologe Hawass aber ist der Auffassung, der deutsche Entdecker der Büste, Ludwig Borchardt, hätte die Verantwortlichen in Kairo damals getäuscht. Nachdem Borchardt das Kunstwerk in Amarna ausgegraben hatte, habe er sie vor der "Fundteilung" mit Matsch eingeschmiert, um ihren Wert vor dem ägyptischen Antikendienst zu verbergen. Das inzwischen abgeschaffte Prinzip der "Fundteilung" bedeutete, dass die Hälfte der Fundstücke damals in das Land gingen, das die Ausgrabung finanziert und organisiert hatte, die andere Hälfte blieb in Ägypten.

Der Preußische Kulturbesitz bestreitet eine Täuschung. Die Objekte seien in Listen genau erfasst gewesen. Von den herausragenden Fundstücken hätten auch Fotografien vorgelegen. Zudem hätten damals die geöffneten Kisten zur Begutachtung der Objekte bereitgestanden. Im Auswärtigen Amt ist man der Ansicht, die Dame sei rechtmäßiges Eigentum der Stiftung und müsse deshalb auch nicht zurückgegeben werden. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte im vergangenen Mai während eines Besuches in Kairo versucht, die Ägypter davon zu überzeugen.

Die Büste wurde im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung vom Bildhauer Thutmosis angefertigt. Nachdem sie drei Jahrtausende vom Wüstensand bedeckt gewesen war, hatten die deutschen Archäologen sie in Thutmosis' Werkstatt in Amarna freigelegt. Sie steht ganz oben auf einer Liste von Artefakten, die Ägypten ins Land zurückholen will. Deutschland hat entsprechende Bitten in der Vergangenheit jedes Mal abgelehnt.

Nofretete war die Hauptfrau des ägyptischen Pharaos Echnaton. Im Jahr 1370 vor Christus im heutigen Syrien als Königstochter Taduschepa geboren, erhielt sie später ihren mit "die Schöne ist gekommen" übersetzten Namen. Noch sehr jung heiratete sie Echnaton und gebar dem Pharao sechs Töchter. Sie war auch die Stiefmutter des legendären Tutanchamun.

Als der Reform-Pharao Echnaton die ägyptische Göttervielfalt durch den alleinigen Sonnengott Aton ersetzte, stand ihm Nofretete als aktive Mitregentin zur Seite. Nach dem Tod ihres Mannes im zwölften Regierungsjahr wird auch die Königin nicht mehr erwähnt. Nofretete starb vermutlich 1338 vor unserer Zeitrechnung.