Demenz Die Alzheimer-Infektion

Wissenschaftler haben im Versuch mit Mäusen eine Alzheimer-artige Erkrankung von Tier zu Tier übertragen. Könnten Infektionen auch bei der Demenz von Menschen eine Rolle spielen?

Von Christina Berndt

Für Hans Förstl ist es an der Zeit, "vieles neu zu diskutieren". "Wir können uns nicht mehr wegducken", sagt der Alzheimer-Experte von der Technischen Universität München. "Es gibt inzwischen zu viele Hinweise darauf, dass die Alzheimer-Krankheit durch eine Infektion entstehen könnte." Von einem neuen Hinweis berichten am heutigen Freitag Tübinger Wissenschaftler um Mathias Jucker in der Fachzeitschrift Science.

Sie haben ihre Erkenntnisse zwar nur an Mäusen gewonnen, aber die Daten zeigen, dass sich eine Alzheimer-artige Erkrankung von Tier zu Tier übertragen lässt. Eiweiße aus dem Gehirn kranker Mäuse wurden dabei gesunden in den Bauch gespritzt; daraufhin bildeten sich in den Gehirnen der gesunden Tiere die gleichen Plaques, wie sie bei AlzheimerPatienten auftreten. Offenbar verhalten sich die Amyloid-beta-Eiweiße von Alzheimerpatienten ähnlich wie jene infektiösen Eiweiße, die den Rinderwahnsinn verursachen.

Im Labor seien seine Mitarbeiter jetzt extrem vorsichtig mit den Amyloid-beta-Eiweißen, sagt Mathias Jucker. Aber für den Umgang mit Demenzpatienten spiele die mögliche Infektiosität der Eiweiße keine Rolle: "Wer steckt sich schon Hirnmaterial in die Bauchhöhle?" Außerdem sei nicht einmal klar, ob die Amyloid-beta-Plaques jemals aus dem Gehirn von Alzheimerkranken austreten.

Auch Hans Förstl beruhigt all jene, die aufopferungsvoll demenzkranke Menschen pflegen: "Das heißt jetzt keinesfalls, dass man Alzheimerpatienten mit Mundschutz und Handschuhen begegnen sollte." Die Krankheit sei gewiss nicht hochansteckend wie eine Erkältung. Unter unglücklichen Umständen aber könne Alzheimer womöglich weitergegeben werden, die Indizien dafür nähmen zu.

Förstl verweist auf eine Studie aus dem US-Bundesstaat Utah, die im Journal of the American Geriatrics Society erschienen ist. Mehr als 1200 Ehepaare waren in Utah 15Jahre lang beobachtet worden. Dabei zeigte sich: Wer sich zu Hause um seinen Alzheimer-kranken Partner kümmerte, hatte ein sechsfach erhöhtes Risiko, selbst dement zu werden. Dies habe gewiss auch mit der hohen Belastung zu tun, der Pflegende ausgesetzt seien, so Förstl. Aber ob nicht doch eine gewisse Ansteckung zugrundeliege, dieser Frage müsse sich die Forschung nun vermehrt stellen.

"Man kann jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagt auch Konrad Beyreuther vom Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg. Für Chirurgie und Bluttransfusionen sieht er "gewaltige Konsequenzen". Es reiche nicht aus, Operationsbesteck zu sterilisieren, dies dürfe nur einmal verwendet werden. Das "eigentlich Beunruhigende" aber sei: "Man kann nicht ausschließen, dass es in der Natur Substanzen gibt, die die Krankheit auslösen."

Amyloide gibt es zuhauf in der Umwelt. Seide ist eins, Gänseleber enthält viel davon und in der Nanotechnologie werden Beschichtungen daraus hergestellt. Auch wenn es sich dabei nicht exakt um das Amyloid-beta der Alzheimer-Erkrankung handelt: Womöglich könnten diese Amyloide aus Umwelt und Nahrung ins Gehirn gelangen und dort den Krankheitsprozess in Gang setzen, sagt Konrad Beyreuther: "Das Zeug ist so stabil. Wenn es aus dem Bauch ins Gehirn gelangen kann, übersteht es auch den Magen."

"Es gibt so Sachen, mit denen man nie gerechnet hätte, aber man muss sich ihnen stellen", sagt Hans Förstl. Die Medizingeschichte habe schon häufiger Infektionen an den Tag gebracht, wo zuvor keine vermutet wurden. "Beim Magen-Ulcus zum Beispiel hat man lange vergeblich nach einer Ursache gesucht, dann erst fand sich ein Bakterium namens Helicobacter." Auch zahlreiche Krebserkrankungen, allen voran der Gebärmutterhalskrebs, werden durch Erreger aus dem Reich der Mikroben verursacht.

Sollten sich die gesammelten Hinweise auch beim Alzheimer erhärten, betont Hans Förstl, wäre das letztlich eine positive Wendung: Wenn einer Krankheit eine Infektion zugrundeliegt, lässt sie sich meist bekämpfen - besser zumindest als ein Leiden, das tief in den Genen verankert ist.