Climate Engineering Riskantes Herumdoktern am Klima

Tropensturm "Harvey" im August 2017 - Forscher spekulieren, dass solche extremen Wetterereignisse mit Klimamanipulationen abgefedert werden könnten.

(Foto: picture alliance / Randy Bresnik)
  • Forscher diskutieren derzeit intensiv, ob man das Klima mit technischen Maßnahmen manipulieren sollte.
  • "Climate Engineering" könnte den Klimawandel bremsen, hoffen Befürworter.
  • Eine Idee ist es, Algen zu züchten, die möglichst viel Kohlendioxid binden. Eine andere Methode wäre, die Atmosphäre direkt zu kühlen, zum Beispiel mithilfe Sonnenlicht reflektierender Partikel.
  • Kritiker halten die Effekte, die mit solchen Maßnahmen erzielt werden können, für zu gering, oder fürchten starke Nebenwirkungen.
Von Alexander Mäder

Bäume pflanzen für das Klima ist gut gemeint: Sie nehmen beim Wachsen Kohlendioxid (CO₂) auf, und wenn man das Holz anschließend verbrennt, um Energie zu erzeugen, kann man das CO₂ abscheiden und unterirdisch lagern. Üblicherweise wählt man dazu schnell wachsende Bäume wie Weiden oder Pflanzen wie das Riesen-Chinaschilf. Aber eignet sich dieser Ansatz auch dazu, um der Atmosphäre in großem Stil Treibhausgase zu entziehen? Um der Menschheit wenigstens mehr Zeit für den Klimaschutz zu erkaufen?

Lena Boysen von der Humboldt-Universität Berlin hat die Frage in Simulationen untersucht: Wenn man zehn Prozent der Agrarflächen in aller Welt für solche Aufforstungsprojekte umwidmen würde, könnte man im Laufe des Jahrhunderts die Emissionen von 35 Jahren auf dem heutigen Niveau kompensieren, lautet ihr Ergebnis. Doch der Klimaschutz stünde in Konkurrenz zur Landwirtschaft - und die wird in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich noch zwei Milliarden Menschen zusätzlich ernähren müssen. Unterirdische Speicher für Kohlendioxid gibt es auch noch nicht; ein Pilotprojekt im brandenburgischen Ketzin wurde von Protesten begleitet.

Große Spiegel im Weltraum könnten einen Teil des Sonnenlichts abhalten

Naomi Vaughan von der britischen University of East Anglia findet dennoch, dass man über solche Maßnahmen nachdenken müsse. Schließlich hat sich die Staatengemeinschaft vor zwei Jahren darauf verständigt, den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad, besser noch unter 1,5 Grad zu halten. Für die Zielmarke von 1,5 Grad hatte sich eine Koalition von mehr als hundert Staaten eingesetzt, weil eine darüber hinausgehende Erwärmung die Inselstaaten und die Korallenriffe auslöschen könnte und das Risiko für extreme Wetterlagen deutlich erhöhen dürfte. "Dieses Temperaturziel hängt von negativen Emissionen ab", sagte Vaughan auf einem Kongress in Berlin. Mit anderen Worten: Wir werden die Emissionen nicht schnell genug herunterfahren können, haben aber mit der CO₂-Abscheidung die Möglichkeit, einen Teil der Treibhausgase später wieder einzufangen.

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Die globalen Emissionen sind zwar zuletzt nicht weiter gestiegen, doch die Welt ist tatsächlich noch nicht auf dem Kurs, den der Weltklimavertrag vorsieht. Sie könnte es aber sein, argumentieren die Kritiker. Man dürfe nicht von der eigentlichen Aufgabe ablenken: den Klimaschutz voranzutreiben. Und so wurde kürzlich auf einer Konferenz in Berlin leidenschaftlich über das Für und Wider des "Climate Engineering" gestritten, großflächige Eingriffe in das Klimasystem.

Dazu zählt neben der CO₂-Abscheidung auch die Düngung von Algen, die Kohlendioxid aufnehmen. Ein Teil der Tiere, die sich von den Algen ernähren, wird als tote Materie zum Meeresgrund sinken und den im Körper eingelagerten Kohlenstoff mitnehmen. Diskutiert wird auch über das Zermahlen von Felsbrocken, um deren Verwitterung zu beschleunigen, weil auch hierbei der Luft Kohlendioxid entzogen wird.

Eine andere Denkrichtung ist die Kühlung der Erde - etwa durch große Spiegel im Weltraum, die einen Teil des Sonnenlichts abhalten. Die am intensivsten diskutierte Maßnahme stellte Ben Kravitz vom US-amerikanischen Pacific Northwest National Laboratory vor: Feine Partikel in zehn bis 20 Kilometer Höhe zu verteilen, die einen Teil des Sonnenlichts reflektieren können. Simulationen hätten gezeigt, dass sich der gewünschte Effekt einstellt, erläutert Kravitz: Nicht nur die Temperatur falle, auch Überschwemmungen und Wirbelstürme nähmen ab.

Demnächst will ein Team der Harvard University Ballons aufsteigen lassen, die einige hundert Gramm Kalzitpulver versprühen, und dann messen, ob und wie es das Sonnenlicht reflektiert. Das ist ganz im Sinn von Kravitz: "Sollte die Methode nicht funktionieren, dann sollten wir es jetzt wissen." Die Simulationen zeigen auch, dass ein solcher Eingriff die Niederschlagsmuster verändern kann - also manchen Regionen mehr und anderen weniger Regen bringt. "Es gäbe Gewinner und Verlierer", sagt Kravitz.