China Großmacht auf dem Trockenen

China leidet unter der schwersten Dürre seit Jahrzehnten - Kritiker sehen den umstrittenen Drei-Schluchten-Damm als eine der Ursachen.

Von Henrik Bork

Lastkähne laufen im Jangtsekiang auf Grund. Tote Fische liegen auf dem ausgedörrten Boden des Poyang-Sees. Arbeitslose Fischer sitzen auf ihren umgestülpten Booten.

Wo einst der Stausee von Changxing war, ist nur noch zerklüfteter Wüstenboden hinter einer Mauer übrig. China erlebt seine schwerste Dürre seit einem halben Jahrhundert. Gleich mehrere Provinzen entlang des Mittel- und Unterlaufes des Jangtse sind betroffen - Hubei, Hunan, Jiangxi, Anhui, Jiangzu und Zhejiang. Seit Anfang Januar hat es in der Region nur halb so viel geregnet wie üblich.

Der Dongting-See in Hunan und der Poyang-See in Jiangxi, bis vor kurzem noch Chinas größter Frischwassersee, sind so gut wie ausgetrocknet. In der Mitte des Dongting-Sees sei ein "Grasland" zu sehen, berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua.

Etwa 35 Millionen Anwohner sind betroffen, und die wirtschaftlichen Verluste werden schon jetzt auf 15 Milliarden Yuan geschätzt, umgerechnet mehr als 1,5 Milliarden Euro. Mehr als vier Millionen Menschen haben nicht mehr genug Trinkwasser und müssten notversorgt werden.

Chinas Staatsbüro für Flutkontrolle und Dürren hat vor kurzem angeordnet, dass die Schleusen des Drei-Schluchten-Damms ein Stückchen weiter geöffnet werden, um die Dürre flussabwärts abzumildern. Statt 10.000 fließen nun 11.000 bis 12.000 Kubikmeter pro Sekunde aus dem Stausee ab. Staatliche Medien feiern den Drei-Schluchten-Damm als Retter in der Not. Kritiker aber behaupten genau das Gegenteil - dass nämlich der Stausee eine Mitschuld an der Dürre trage.

Zwar betonen sie, dass Klimaveränderungen, vermutlich die globale Erderwärmung, hauptsächlich für die Dürre verantwortlich seien. "Die Größe des Dürregebietes entlang des Jangste aber hat auch mit dem Drei-Schluchten-Damm zu tun", schreibt der prominente chinesische Journalist Qian Gang.

Obwohl die Trockenheit schon seit Monaten andauert, hätten die Betreiber stur an ihrem Plan festgehalten, das Reservoir auf seine Maximal-Füllung von 175 Metern Wassertiefe volllaufen zu lassen, sagen die Kritiker. Der Betreiber, ein Ableger der Energiebehörden, agiere "unverantwortlich". Je mehr Wasser im Drei-Schluchten-Damm zurückgehalten werden kann, desto mehr Strom könne er produzieren. "Dieser gigantische Staatsbetrieb hat nur eines im Kopf: Geld", schreibt Qian.

Auch die Hongkonger Zeitung Apple Daily schreibt, der Wasserspiegel im Dongting- und Poyang-See sei seit Beginn der Stauperiode im vergangenen September allmählich gesunken. Anstatt wie früher als Auffangbecken entlang des Jangtse zu funktionieren, die dann in Dürrezeiten Wasser spenden können, seien sie immer weiter leergelaufen. Der Drei-Schluchten-Stausee werde durch die Partikularinteressen der Betreiber daran gehindert, diese natürliche Kontrollfunktion auszuüben, schreibt das Blatt.

Und auch einer Analyse des WWF in China zufolge sind nicht bloß extreme Wetterphänomene und der Klimawandel Schuld an der Dürre, sondern zumindest teilweise auch menschliches Versagen und die zum Teil auf Kosten der Natur gehende, eher unregulierte Bautätigkeit in der Region. Auen und Sumpfgebiete entlang des Flusses müssten noch stärker als bisher geschützt oder wiederhergestellt werden, falls künftig ähnliche Dürren gemindert werden sollen, mahnen die Umweltschützer. Sie beklagen "illegale Wasserentnahme und eine ineffiziente Nutzung der natürlichen Wasserressourcen" in der Region. Mehr als hundert Konservierungsprojekte des WWF in China seien nun durch die Dürre gerade "schwer beeinträchtigt", schreibt die Umweltorganisation in einem dringlich formulierten Appell. So habe der WWF seit 2003 daran gearbeitet, mehr als drei Hektar des Dongting-Sees zu restaurieren. Nun seien große Flächen des Sees trocken und zerfurcht, und es könnte "zehn Jahre dauern, das wiederherzustellen", schreibt der WWF. Auch seltene Spezies wie der Jangtse-Flussdelphin und der Pere-David's-Hirsch seien akut bedroht.

Während Zentralchina also mit einer Jahrhundertdürre kämpft, nimmt auch die chronische Wasserknappheit im Norden des Landes immer bedrohlichere Züge an. Allmählich gefährde der Wassermangel auch die wirtschaftliche Entwicklung Chinas, hieß es kürzlich in einem Bericht der Hongkonger Bank HSBC.

In einem Vortrag vor der Amerikanischen Vereinigung für Wasserressourcen warnten die Banker, dass der Wasserverbrauch in der Region um Peking die natürlichen Vorräte bei weitem überschreite. Das Defizit in der Wasserversorgung werde rund um die chinesische Hauptstadt und in der Provinz Hebei durch das immer schnellere Abpumpen des Grundwassers ersetzt - derzeit bereits ungefähr doppelt so schnell wie es natürlich ersetzt werden könne.

Als Resultat, behaupten die Bankexperten, fällt der Grundwasserspiegel in Peking derzeit um 1,5 Meter pro Jahr. Angesichts der rasch wachsenden chinesischen Mittelklasse, die immer mehr Wasser verbrauche, gebe es "keine Chance mehr, dass die natürlichen Wasservorräte der Region die Bevölkerung versorgen können". Allerdings hätten die Behörden das Problem erkannt und eine Reihe von Projekten gestartet, um Wasser zu sparen und natürliche Ressourcen zu schützen, schreiben die Experten von der HSBC in ihrem Bericht.

Ähnlich wie beim Drei-Schluchten-Damm am Jangtse, möchte Chinas vor allem aus ehemaligen Ingenieuren zusammengesetztes Politbüro auch die chronische Dürre im Norden am liebsten mit einem riesigen Bauprojekt beseitigen. Drei künstliche Kanäle sollen als Teil des sogenannten "Süd-Nord-Wasser-Umleitungs-Projektes" Wasser aus dem Jangtse in den ausgetrockneten Norden bringen. Der mittlere der Kanäle allein ist rund 1300 Kilometer lang.

Angesichts der gerade zu beobachtenden Jahrhundertdürre entlang des Jangtse aber melden sich nun mehr und mehr kritische Stimmen zu Wort: Mehrere Umweltschützer warnen davor, dass eine so gigantische Umleitung von Wasser das Ökosystem des Jangtse und seiner Zulieferer nachhaltig schädigen könnte. Ohnehin ist ein Großteil des Wassers durch Industriebetriebe im Süden so verschmutzt, dass seine Nutzung als Trinkwasser im Norden in Frage steht. Es könne möglicherweise "nicht trinkbar" sein, warnt die Umweltschützerin Dai Qing. Ein sparsamerer Umgang mit Wasser sei ein besserer Weg, schlägt sie vor.