Alzheimer-Forschung Das Geheimnis des Risiko-Gens ApoE4

Was wäre, wenn man Frauen mit hohem Alzheimer-Risiko Jahrzehnte vor dem Auftreten der ersten Symptome identifizieren könnte? Solange es keine Medikamente gegen den geistigen Verfall gibt, sind frühe Tests umstritten.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Alter, Gene und Geschlecht entscheiden über das Risiko eines Menschen, an der Alzheimer'schen Demenz zu erkranken.
  • Nur: Wie genau?
  • Einer aktuellen Studie zufolge ist das Erkrankungsrisiko bei Trägern des Gens ApoE4 erhöht.
  • Sollte ApoE4 eine Möglichkeit eröffnen, gegen die Krankheit vorgehen zu können, wäre das "ein monumentaler Fortschritt".
Von Kathrin Zinkant

Laut Umfragen hat jeder zweite Deutsche Angst vor der Alzheimer'schen Demenz. Die frühzeitige Diagnose der neurologischen Erkrankung ist schwierig. Vor allem aber ist Alzheimer bislang so wenig verstanden, dass Ärzte nichts dagegen ausrichten können. Nur wenige Dinge gelten bislang als sicher: Alter, Gene und Geschlecht entscheiden über das Risiko eines Menschen zu erkranken. Vor allem genetisch vorbelastete Frauen scheinen besonders gefährdet.

Eine aktuelle Analyse könnte nun dabei helfen, die Rolle des Geschlechts besser zu verstehen. In einer bislang beispiellosen Auswertung von Patientendaten kommt ein internationales Forscherteam zu der überraschenden Einsicht, dass das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, bei Trägern des Risiko-Gens ApoE4 zwar erhöht ist. Wie die Forscher in Jama Neurology berichten, ist der Einfluss aber insgesamt nicht abhängig vom Geschlecht. Nur in dem Zeitfenster von etwa 65 bis 75 Jahren erkranken genetisch vorbelastete Frauen häufiger als Männer. Im späteren Lebensverlauf gleicht sich dieser Unterschied wieder aus.

"Einflüsse auf das Erkrankungsrisiko gehen schon Jahrzehnte vor den ersten Symptomen zu Werke"

Diese Feststellung könnte einen wichtigen Hinweis auf den Erkrankungsmechanismus liefern. ApoE4 ist das häufigste und aussagekräftigste Risiko-Gen für die normale, spät einsetzende Form von Alzheimer. Etwa 15 Prozent der gesunden Bevölkerung sind Träger der Variante, unter den Erkrankten sind es gut 60 Prozent. Das Gen liefert den Zellen die Bauanweisungen für ein Protein, das am Fettstoffwechsel des Gehirns beteiligt ist. Sein Zusammenspiel mit anderen für Alzheimer typischen Degenerationsprozessen im Gehirn ist bislang nebulös.

"Einflüsse auf das Erkrankungsrisiko gehen schon Jahrzehnte vor den ersten Symptomen zu Werke", schreiben die Neurowissenschaftlerinnen Dena Dubal und Camille Rogine in einem Begleitkommentar zu der Studie. Die Autoren der Arbeit selbst halten für möglich, dass das betrachtete Risiko-Gen ApoE4 bei Frauen durch hormonelle Veränderungen während der Menopause beeinflusst wird. Das könnte eine wichtige Fährte sein, um die Funktion von ApoE4 in der Krankheitsentstehung zu klären und sie möglicherweise zu nutzen.

Solche Aussichten haben in der Alzheimerforschung schon oft Fantasien beflügelt. "Was wäre, wenn wir Frauen mit hohem Alzheimer-Risiko Jahrzehnte vor dem Auftreten der ersten Symptome identifizieren könnten?", fragen Dubal und Rogine. Sollte ApoE4 eine Möglichkeit eröffnen einzuschreiten, wäre das "ein monumentaler Fortschritt". Einer allerdings, der in weiter Ferne liegt. Derzeit gibt es keine Medikamente, die den geistigen Verfall stoppen können. Frühe Tests auf das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sind deshalb umstritten.

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