Außenansicht: Die Not der Psychiater Alle reden vom Burn-out - kaum einer von Depression

Gestresst, müde und ausgebrannt - das Thema Burn-out lenkt derzeit so stark von Patienten mit ernsteren psychischen Störungen ab, dass die Betroffenen unter die Räder zu geraten drohen.

Von Andreas Meißner

Stefan R. ist 36 Jahre und arbeitet als Speditionskaufmann, er ist erfolgreich, eloquent und heiteren Gemüts. Aber lange Jahre hatte er Cannabis konsumiert und auch gekokst; er wechselte dann plötzlich zwischen Ausgelassenheit und tiefer Verzweiflung, fühlte sich schließlich bedroht und verfolgt und schien verwirrt zu sein. Klinikaufenthalte folgten. Das ist 15 Jahre her. Er kommt heute in die Praxis, redefreudig und etwas forsch, mit deutlich zu viel Energie. Wieder fühlt er sich ständig beobachtet.

Andreas Meißner, 46, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in München sowie Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Münchner Nervenärzte und Psychiater.

(Foto: privat)

Derzeit jedoch zieht das Thema Burn-out die Aufmerksamkeit auf sich - so sehr, dass Menschen wie Stefan R. unter die Räder zu geraten drohen. Diese Woche findet in Berlin der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde mit mehr 8000 Teilnehmern statt; "Macht Arbeit krank?" heißt ein Thema dabei.

Wieder werden jene im Mittelpunkt stehen, die sich irgendwie gestresst, müde und ausgebrannt fühlen. Das wäre nicht schlimm, wenn die anderen nicht vergessen würden: die Patienten mit ernsteren psychischen Störungen.

Zum Glück werden solche Störungen heute eher erkannt als früher; auch ist die Schwelle, zum Psychiater oder Nervenarzt zu gehen, gesunken. Doch deren Kapazitäten reichen bei weitem nicht aus. Bei einem Notfall sind die Wartezeiten noch kurz, insgesamt aber ist es kaum mehr möglich, der Nachfrageflut Herr zu werden. Krisen, Suizidgedanken, schwere Depressionen oder Arbeitsplatzkonflikte lassen das Praxistelefon häufig klingeln, dazu kommt die oft jahrelange Begleitung von chronisch Kranken wie Herrn R. mit immer wiederkehrenden Krisen.

Der Psychiater muss körperliche Ursachen abklären und behutsam sein bei Aggression, überschießender Energie oder mangelnder Krankheitseinsicht, wie dies bei akut schizophren oder manisch Erkrankten oft der Fall ist; er muss Angehörige und ambulante Dienste einbeziehen. Auch die Aufklärung über oft nötige Psychopharmaka nimmt breiten Raum ein.

Die Psychiater und Nervenärzte kämpfen derzeit selbst mit vielen Sorgen. Die Zeitnot ist groß, und bei einem festgelegten Honorar von maximal 70 Euro pro Patient und Quartal (!) kann ein Psychiater nur maximal 45 Minuten Gespräch in diesem Zeitraum anbieten - viel zu wenig zum Beispiel für schwer depressive Patienten. Für sie wären wöchentliche Termine dringend nötig. So bringt die Not der Psychiater auch die Patienten in Not.

Dabei wäre oft gar nicht gleich eine tiefgehende Psychotherapie nötig, wie sie mit durchschnittlich 40 Stunden durchgeführt wird und mit einem festen Satz von 80 Euro pro Stunde schnell hohe Kosten verursacht. Nicht jeder Burn-out-Betroffene muss seine Kindheit aufarbeiten - nicht jeder will das auch.

Studien haben gezeigt, dass ein Viertel der psychisch Kranken eine Psychotherapie machen, was jedoch drei Viertel des zur Verfügung stehenden Budgets verschlingt. Die anderen 75 Prozent der Patienten werden dagegen durch Nervenärzte und Psychiater behandelt - ihnen stehen lediglich die restlichen 25 Prozent des entsprechenden Honorartopfes zur Verfügung.