Alternative Heilverfahren Alles so schön sanft hier

Giftpflaster, Blutegel und Schröpfen - alternative Heilverfahren boomen. Mit den wissenschaftlichen Belegen für die Wirkung ihrer Verfahren nehmen es Naturheilkundler aber nicht so genau. Auch finanzielle Verflechtungen scheinen nicht abzuschrecken.

Von Werner Bartens

Nach zwei Stunden fing die Haut an zu brennen. Dann bildete sich eine handflächengroße Blase, unter der sich trübe Flüssigkeit ansammelte. 16 Stunden dauerte die Tortur. So lange blieb das peinigende Pflaster auf dem Rücken des Patienten kleben.

"Je trüber der Inhalt und je größer die Blase, desto größer der Erfolg", sagt Thomas Rampp, Oberarzt in der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin an der Universität Duisburg-Essen. Am Ende der Behandlung wurde die Blase entweder punktiert und abgesaugt oder die Oberhaut komplett abgelöst, sodass der blassgelbe Inhalt abfließen konnte. "Wir erzeugen Verbrennungen zweiten Grades mit Canthariden-Pflastern", sagt Rampp.

Das Reizgift Cantharidin ist Inhaltsstoff der "Spanischen Fliege", die keine Fliege, sondern ein Käfer ist.

In Essen wurden 28 Patienten, die an einer chronischen Verengung des Wirbelkanals im Lendenbereich leiden, mit dem aggressiven Pflaster behandelt. Angeblich ließ bei den Kranken mit dem chronischen Rückenleiden zwei Wochen lang der subjektiv empfundene Schmerz nach. Wie es den Patienten nach zwei Monaten oder einem Jahr ging, "haben wir natürlich nicht verfolgt", sagt Rampp. Ob die Patienten mit Wirbelkanalstenose längere Strecken gehen konnten - ein entscheidendes Kriterium für ihre Lebensqualität und den Erfolg der Therapie -, wurde auch nicht untersucht.

Wozu auch? Der Vertrauensvorschuss, den die Naturheilkunde wie alle komplementärmedizinischen Verfahren in Deutschland genießt, ist ungebrochen. Die Begeisterung für alles, was sich nach sanft, grün und dem Gegenteil von böser Schulmedizin anhört, steigt sogar noch. Es ist offenbar egal, dass Naturheilkundler Gift und Galle einsetzen, Homöopathen mit Arsen und Quecksilber hantieren. Je nach Umfrage sind 60 bis 80Prozent der Deutschen aufgeschlossen für alternative Heilverfahren. In den USA fördern die Nationalen Gesundheitsinstitute die Forschung dazu mit 130 Millionen Dollar jährlich. Mittlerweile stehen der Komplementärmedizin 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung positiv gegenüber. 1990 waren es erst 2,5 Prozent. Alles so schön sanft hier.

Da die Liebe zur vermeintlich natürlichen Medizin und der Misstrauensvorschuss gegenüber der als kühlen Apparatemedizin verunglimpften konventionellen Heilkunde so groß sind, müssen die Kräuterfexe, Steinheiler, Naturapostel und Kügelchendreher ihr Tun kaum rechtfertigen. "Ausleitende Verfahren" wie mit Cantharidin-Gift habe bereits Hippokrates (460 bis 370 v.Chr.) theoretisch fundiert, erklärt Rampp, denn der Heilgrieche habe behauptet, "dass keine zwei Krankheiten zur gleichen Zeit da sein könnten". Und auf den brandaktuellen Experten Paracelsus (1493 bis 1541) gehe die These zurück, dass "nur der den Namen Arzt verdiene, der mit Canthariden-Pflaster Gicht heilen könne".

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