Industrielle Fleischproduktion Sterben in der Schlachtfabrik

Blutiger Alltag: Schlachter bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Wie werden Tiere in Deutschland industriell geschlachtet? Bei Tönnies sterben pro Tag Zehntausende Schweine. Erst werden sie mit Kohlendioxid betäubt, dann kommen sie in ein "Stechkarussell". Zu Besuch in einer Schlachtfabrik.

Von Jannis Brühl, Rheda-Wiedenbrück

Alles im grünen Bereich muss sterben. Grüner Bereich, so heißt die halbdunkle Halle, in der sich in Boxen jeweils mehrere Dutzend Schweine drängen. Grün gilt als Farbe der Landwirtschaft, und hier werden die Tiere der Bauern angeliefert. Aus Lautsprechern klingt Panflötenmusik, die Tiere sollen sich entspannen. Im Boden steckt eine Fußbodenheizung. Er ist schräg, weil Schweine gern bergauf laufen. Am Ende der Steigung wartet der CO₂-Aufzug auf sie, dann kommen ihre letzten Sekunden, bevor aus ihnen Minutensteaks werden, Nackenkoteletts oder Filetstücke.

Bis zu 28 000 Schweine sterben hier im westfälischen Rheda-Wiedenbrück jeden Tag, in den Hallen der Fleischfirma Tönnies. Es ist eine der größten Schlachtfabriken Deutschlands - und eine der wenigen, die ihre Türen öffnet. Firmenchef Clemens Tönnies führt persönlich durch den Betrieb, flankiert von seinem PR-Mann. Tönnies versucht offensiv, sich vom brutalen Image der Fleischindustrie zu distanzieren. Den Menschen, die hier arbeiten, bietet die Firma eine eigene Kita, ein Fitnessstudio, und ein eigenes Fußballstadion mit Kunstrasen. Für die Schweine ist der CO₂-Aufzug da.

Eine bewegliche Wand schiebt die Tiere durch einen Gang zum Aufzug. Damit sie sich schneller bewegen, schüttelt ein Arbeiter im weißen Polohemd eine Plastikrassel an einem langen Stiel über den Tieren.

Der Tod ist hier neonrosa. Mit einem Farbstreifen auf dem Rücken hat ein Bauer die Tiere markiert, die für die Schlachtung bestimmt sind. Sie verschwinden im Aufzug, er fährt mehrere Meter in die Tiefe. Unten in der Grube: Kohlendioxid, schwerer als Luft. Niemand sieht, wie die Tiere bewusstlos umfallen.

Tiere töten: ein 360°-Schwerpunkt

Das Schnitzel war einmal ein Kälbchen. So viel ist uns meist bewusst. Aber wie ist es eigentlich gestorben? Damit beschäftigen sich viele Menschen nicht, obwohl sie das Produkt Tier sehr schätzen: Ein Deutscher isst im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch im Jahr - die Industrie verdient hierzulande Milliarden Euro. Die Süddeutsche Zeitung hat sich dem Thema "Tiere töten" aus verschiedenen Blickwinkeln genähert: vom unüberschaubaren System der Produktion über moralische Bauern bis hin zur Frage, warum so viele Menschen kein Problem mit dem Verzehr eines Tieres - wohl aber mit seinem Tod haben.

25 unangenehme Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit

In der CO₂-Grube wird es bis zu 25 Sekunden sehr unangenehm für die Schweine. Das Kohlendioxid wird auf ihren Schleimhäuten zu Kohlensäure, und die brennt. Besonders im hochempfindlichen Rüssel. "Das ist, als würden Sie Zitronensaft ins Auge bekommen", sagt Matthias Moje, Tierarzt am Max-Rubner-Institut, einer Forschungseinrichtung des Bundes für Lebensmittel. Viele Tiere quieken, strecken die Schnauzen nach oben. Sie atmen heftig, um das Kohlendioxid aus dem Körper zu bekommen, das ihr Blut sauer macht. Vergeblich.

Neben CO₂ ist in Deutschland nur elektrische Betäubung zugelassen, um Schweine zu betäuben. Dafür müssen die Tiere von ihrer Rotte getrennt werden - und das stresst Moje zufolge die Tiere, die sich gerne zusammenrotten, noch mehr als die Sekunden im Kohlendioxid.

Schneller wirkende Alternativen zu CO₂ könnten die Edelgase Helium oder Argon sein, doch gegen beide gibt es auch Einwände. Für manche Forscher und Humanmediziner ist es Verschwendung, das langsam rar werdende Helium dieser Erde vor die Säue zu werfen, es zur Schlachtung einzusetzen. Und Argon hinterlässt "Blutpunkte" im Fleisch. Das macht es nicht ungenießbar, aber praktisch unverkäuflich.

Als der Aufzug wieder hochgefahren ist, rutschen sechs Schweine auf das Fließband, schwer und bewegungslos wie Säcke aus Fleisch. Ein Arbeiter drückt jedem von ihnen auf ein Augenlid. Zuckt es noch, ist das Tier nicht bewusstlos und wird noch einmal betäubt. Den Bewusstlosen rammt ein Arbeiter einen Metallhaken, der an einer Schiene über seinem Kopf läuft, durch das Bein. Der Haken fährt weiter, zieht das Schwein hoch, Kopf nach unten, es prallt gegen eine Metallplatte und landet bei seinen Henkern.

Die nächsten Stationen: Stechkarussell und Brühbad

An zwei parallel verlaufenden Schienen wird je ein Tier zum Stechkarussell gezogen. Rundmesser, an Schläuche montiert, rotieren um die beiden Maschinen. Die Messer, die gerade nicht im Einsatz sind, werden desinfiziert. An jedem Karussell steht ein Arbeiter: der Stecher. Er rammt jedem Tier eines der Messer in die Blutgefäße am Herz. Durch den Schlauch blutet das Schwein aus, Waagen am Fördersystem messen den Gewichtsverlust. Ist genug Blut aus dem Tier geflossen, ist es höchstwahrscheinlich tot. Noch ein Druck aufs Augenlid. Ein Schwein, das jetzt noch lebt, bekommt einen Bolzenschuss in den Kopf. Mindestens ein Dutzend stirbt hier in der Minute.

Die Zahl der Schweine, die trotz aller Betäubungsversuche noch wach sind, wenn sie gestochen werden, liegt Moje zufolge bei weniger als einem Promille. Bei 59 Millionen geschlachteten Schweinen pro Jahr in Deutschland wären das Zehntausende Tiere.

Die toten Schweine werden weitergezogen ins Brühbad. Erst 64,5 Grad, dann 60,5, dann lösen sich die Borsten aus der Haut, eine Maschine kratzt sie vom Körper.